Postindustrielle Spiele

13.10.2010 19:22 von Tobias Prüwer

„Tief im Westen“ – Seit einigen Jahren schon mausert sich Leipzigs Westen, namentlich die Stadtteile Plagwitz und Lindenau, zum neuen Szeneviertel. Das lässt sich auch an der Theaterdichte ablesen. Das LOFFT und das Theater der Jungen Welt im Theaterhaus am Lindenauer Markt sind lange eingesessen. Ganz in der Nähe residiert die Musikalische Komödie. Einige Fußminuten entfernt steht die Schaubühne Lindenfels, die seit einem Jahr wieder verstärkt ihr Profil als Theaterort schärft. Im Nebenhaus hat sich vor fünf Jahren mit dem Lindenfels Westflügel eine internationale Produktionsstätte für Figurentheater etabliert. Und im Westwerk hat zumindest in den wärmeren Monaten eine Sommertheaterbühne mit dramatischer Kunst gelockt. Ab Oktober wird es mit dem Neuen Schauspiel Leipzig einen Theaterort mehr geben.

tl_files/kunststoff/magazinbilder/Strasse quer.JPGAls die Öffentlichkeit den Namen im Frühjahr zum ersten Mal vernahm, wurde so manches dahinter vermutet. Ist das ein Angriff auf die Intendanz von Sebastian Hartmann? Will man sich da bewusst zum Stadttheater abgrenzen? Oder ist das schlicht größenwahnsinnig? So war gerüchteweise auch zu hören, dass es sich um frustrierte und/oder nicht übernommene Mitglieder des alten Ensembles handelt, die nun eigene Wege gehen.

Auf die Gerüchte angesprochen, müssen Claudia Rath und Markus Czygan, zwei der vier Initiatoren, lachen. Mit Leipzig hatten die vor zwei Jahren aus Würzburg Zugezogenen ursprünglich wenig am Hut. „Ja, es ist viel spekuliert worden. Dabei war es gar nicht unsere Absicht, die Gerüchteküche mit dem Namen zu bedienen“, erklärt Rath schmunzelnd. „Er war eigentlich eine Schnapsidee und dann ist es dabei geblieben.“ Dass die Aufmerksamkeitsspirale durchs die Munkeleien etwas nach oben gedreht wurde, stört sie natürlich nicht. Ganz im Gegenteil, schließlich wissen sie, dass das Theatermachen kein Zuckerschlecken ist und Arbeit, Fleiß und manchmal auch Tränen erfordert. Denn die Gründung des Neuen Schauspiels ist keine fixe Idee. Markus Czygan war 15 Jahre lang in die Würzburger OFF-Theaterszene vielfältig involviert. Er wirkte als Bühnenbildner und Ausstatter, technischer Leiter und Regisseur. Claudia Rath ist seit zehn Jahre in verschiedene Facetten des Theaters verstrickt, hat Ausstattung gestaltet, sich mit Regiearbeit und Stückbearbeitungen beschäftigt.

Wieso kommt man als Würzburger nun ausgerechnet nach Leipzig, um ein Theater zu gründen? In der schönen, aber kleinen fränkischen Stadt habe sich die Szene totgetreten. Und da Anke Tretter, neben Claudia Rath eine der zwei Geschäftsführerinnen, gebürtige Leipzigerin sei, hätten sie die Stadt auf ihren Rat hin besucht – und im urbanen Geflecht an der Pleiße Potenzial gesehen. „In Leipzig herrschen einfach ideale Voraussetzungen, was die Theaterszene betrifft“, so Rath. Darüber hinaus seien die günstigen Raummieten ein weiteres Plus. So habe man hier eine GmbH gegründet, um eine entsprechende Rechtsform zu haben, und sich auf die Suche nach einem geeigneten Gebäude gemacht.

Auf die Adresse Lütznerstraße 29 sind die Theatermacher zufällig gestoßen, als Czygan auf der Suche nach Werkstatträumen war. Sofort seien sie begeistert von dem Ort gewesen. Enormes Feuer und Leidenschaft braucht es auch, um sich in den gewiss großzügigen Räumlichkeiten ein Theater vorzustellen beziehungsweise eines daraus zu machen. Die um 1913 entstandene ehemalige Druckerei besitzt einen eigenen Charme von verblichenem Fortschrittsoptimismus und Morbidität und ist als einhundert Jahre alter Betonbau selbst eine kleine Attraktion. Und irgendwie passt das Gebäude gut zu Leipzig, wo in so viele Werkbauten und Fabriken Kulturbetriebe als post-industrielle Nachnutzer einzogen.

Seit letztem Winter ist das Quartett der Theatermacher nun daran, größtenteils in Eigenarbeit das Theater einzurichten. Ihr Alltag bewegt sich in permanentem Oszillieren zwischen Büroarbeiten, Ausbauarbeiten, Proben und Bühnenbildgestalten. Beim Kunststoff-Besuch Mitte September gleichen viele Ecken und auch der Vorstellungsraum noch einer Baustelle. Und doch kann man an vielen Details auch die Liebe der Theaterbetreiber ablesen. Der Tresen im Vorraum etwa ist mit einer ausgedienten Holz-Glas-Schaufensterfassade versehen, die metallenen Schüssellampen passen zum angestaubten Industriedesign, an einigen Stellen wurde das alte Wanddekor wieder hervorgeholt. Besondere Erwähnung muss ein Bühnenapparat erfahren: „Ich wünsche mir seit zehn Jahren eine Drehbühne, daher musste hier eine eingebaut werden“, erzählt Markus Czygan. Fündig wurde er bei einer Messebaufirma: Eine rotierende Plattform für Auto-Präsentationen wird den Antrieb für den Bühnenkreisel liefern.

Bis zur Eröffnung wird noch einiges zu tun sein und sicherlich das eine oder andere liegen bleiben. Aber solange der Bühnenraum fertig ist, kann man über den Rest erst einmal hinwegsehen. Am 9. Oktober wird das Gebäude seine Tore öffnen: Für die Kleinen gibt es um 16 Uhr ein Gastspiel des Puppentheaters Eckstein. In „Vom Fischer und seiner Frau“ entspinnt sich für Kinder ab fünf Jahren eine Mitspielversion der Mär um einen Pisspott am Meer. Um 20 Uhr findet dann die Eröffnung für die größeren Besucher mit der Aufführung eines Rio-Reiser-Abends statt, ein Würzburger Projekt, das auf diese Weise einmal in Leipzig zu sehen sein wird. Die musikalisch-szenische Reise „Revue im Niemandsland“ führt zu den poetischen und zarten, derben und wütenden Liedern von Rio Reiser und Ton Steine Scherben in das traumhaft-rauschhafte Jenseits einer zeitlosen Poesie von eindringlicher Wortgewalt und spröder Zärtlichkeit. Hoch emotional soll auch die anschließende Party ausfallen, die als rauschendes Fest angekündigt wird.

Die Verbindung von Musik und Theater soll sich als Handschrift des Neuen Schauspiels etablieren und Live-Musik in Theaterstücken zum Profil beitragen, mit dem es sich von anderen Orten abhebt. Das wird zwei Wochen später erlebbar, wenn am 23. Oktober die erste Produktion des Hauses Premiere feiert. „Whyzeck“ – Was wie ein Verschreiber anmutet, ist Absicht: Angelehnt an das historische Vorbild für Georg Büchners „Woyzeck“-Fragment wird der Stoff um das psychiatrische Gutachten über die Zurechnungsfähigkeit des historischen Mörders Woyzeck angereichert und damit um eine Ebene erweitert. Untermalt wird die Inszenierung durch den Pianisten Melchior Walther, den man u.a. aus dem Leipziger Skala-Experiment „Fanz89/09“ und dem Musical „Der kleine Horrorladen“ am Theater Plauen kennt.

Wo sie mal hinwollen? Erst einmal sei es wichtig, dass das Publikum das Haus annimmt und die Inszenierungen ihre Zuschauer finden, meint Claudia Rath. Angedacht sind Kooperationen mit anderen Theatergruppen und zukünftig wird Gassenhauer und Trash-Poet Volly Tanner hier eine regelmäßige Show veranstalten. Tanner hat Leipzig Lindenau einmal als „moosgrüner Haufen Kotze / Kurz neben dem Herzen der Stadt“ bezeichnet. Der Text heißt „Lindenau überollen“. Es scheint etwas in Bewegung zu sein, tief in Leipzigs Westen.

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