Irgendwie glücklich : 02.07.2010 : von Caren Pfeil
Im Foyer tummeln sich ein paar Erwachsene, die alle mehr oder weniger nach unten schauen. Ich folge ihren Blicken und entdecke: das Publikum. Der Boden ist sozusagen bedeckt mit kleinen Menschlein zwischen zwei und drei Jahren. Die Kinder tummeln sich im Unterschenkelbereich von Eltern oder Betreuerinnen, manches sowieso noch lieber auf allen vieren. Schon allein die Treppe zwischen Foyer und Café stellt für sie ein Abenteuer dar, es erfordert Geschicklichkeit und Mut, die drei Stufen zu je 25 Zentimeter zu erklimmen.
So vielfältig die Formen der bisher vier Inszenierungen für die Allerkleinsten sind, lassen sich doch Gemeinsamkeiten benennen. Zum Beispiel gibt es kaum Konflikte und keine Rollen im üblichen Sinn mit Text und Kostüm. Dennoch werden Geschichten erzählt, wenn auch meist nonverbal. Die Egozentrik der erwachsenen Spieler ist aufgehoben zugunsten des spielend handelnden Menschen, der Angebote zur ästhetischen Wahrnehmung macht.
Sanft lächelnde Eltern
Überhaupt scheint Wahrnehmung die zentrale Kategorie für diese Theaterform zu sein, die nicht beliebig auf ein anderes, älteres Publikum zu übertragen ist. Es sei denn, Erwachsene sitzen im Zuschauerraum, und das tun sie zahlreich, denn Zweijährige fahren nicht allein mit der Straßenbahn ins Theater. Und während die Kinder mit offenen Mündern das Geschehen verfolgen, sehe ich Erwachsene, die – wie mit dem Weichzeichner verfremdet –, sanft lächelnd und in entspannter Körperhaltung sowohl das Bühnengeschehen als auch ihre Kinder beobachten und nach 35 bis 45 Minuten irgendwie … glücklich wirken. Versachlicht ausgedrückt: Hier besinnt sich das Theater auf seine Wurzeln, entdeckt sie wieder, die große Erzählung von Licht und Schatten, von Tönen und Stille, von Bewegung und Bildern. Es findet und erfindet sich gleichsam neu, das scheint eine therapeutische Wirkung zu haben.
Zum Beispiel „Funkeldunkel Lichtgedicht“. Zwei Männer und eine Frau bewegen sich, in kreisrunde Lichtkegel tretend, über die Bühne. Die Kreise malt ein älterer Herr mit Hut und Stock, die beiden anderen machen weiße Tapsen mit Händen und Füßen. Und wenn sie tapsen, tönen Töne, erzeugt von einem Musiker, dessen fremdklingende Melodien voller Geheimnis und Vitalität ganz unbekannte Welten zu eröffnen scheinen. Kurze Geschichten vom Entstehen und Verschwinden des Lichts und dessen Schattengestalten werden ohne Worte erzählt, vielstimmige Gesänge glitzern voll Schönheit. Der Rhythmus ist langsam, aber nicht langweilig. Es ist mal laut, mal leise, aber nie grell, mal hell, mal dunkel, nie gleißend. Ying und Yang, das eine wie das andere. Und alles ist schön.
Ohne Bewertungsdruck verarbeiten
Eines der Geheimnisse dieses Theaters ist die Langsamkeit, die es erlaubt, sich dem Sehen und Hören ganz hinzugeben. Auf sanfte Weise wird den Sinnen Nahrung gegeben und Gelegenheit, alles nacheinander und ohne Bewertungsdruck zu verarbeiten.
„Funkeldunkel Lichtgedicht“ war die erste Inszenierung des TJG für die Allerkleinsten, zudem eine Produktion im Rahmen des Modellprojektes „Theater von Anfang an. Vernetzung, Modelle, Methoden: Impulse für das Feld frühkindlicher ästhetischer Bildung“, das im September 2006 vom deutschen Kinder - und Jugendtheaterzentrum initiiert worden war. Inzwischen ist in Dresden eine fünfte Inszenierung für diese Altersgruppe für November 2010 geplant, zeitgleich mit einem Laboratorium zum Theater für Kleinkinder.
Kürzlich las ich vom „Baby -Tanz - Fest“ am Mannheimer Kinder- und Jugendtheater Schnawwl, für Babys ab 8 Wochen (!) bis zu einem Jahr inklusive ihrer Mütter und/oder Väter. Inspiriert von zwei Musikern mit pentatonischen Tonreihen und einer Tänzerin sind hier alle Anwesenden Teil eines Ganzen, ist die räumliche Trennung von Zuschauern und Akteuren aufgehoben. Wenn nun die Erwachsenen, die von ihren ungeborenen Kindern vorerst noch träumen, ganz regelmäßig im Theater ihre Wahrnehmungen verfeinern und/oder (wieder)erwecken würden, müssten wir uns eine Generation später keine Gedanken mehr um deren ästhetische Bildung machen, sondern könnten uns entspannt zurücklehnen und uns freuen, dass das Fach Theater in der Schule zwar keine Noten, dafür aber sensible, wache und sozial kompetente Kinder hervorbringt.
Inszenierungen für die Allerkleinsten am TJG Dresden:
„Funkeldunkel Lichtgedicht“, Regie: Ania Michaelis
„Herr Sonne und Frau Mond machen Wetter“, Regie: Otmar Wagner
„Hand und Fuß“, Regie: Barbara Kölling
„Spiel – Zelt – Welt“ – eine theaterpädagogische Spielaktion in Kindergärten, Regie: Sabine Kolbe
THEATER : Dresden träumt : 19.01.2011 : von Caren Pfeil
THEATER : Postindustrielle Spiele : 13.10.2010 : von Tobias Prüwer
THEATER : Weitermachen! : 03.10.2010 : von Sebastian Göschel
THEATER : Irgendwie glücklich : 02.07.2010 : von Caren Pfeil
Es gibt zahlreiche Theater in Dresden. Die Adressen finden Sie im Tourismus-Portal für Dresden.


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Kommentar von Volker Metzler : 18.08.2010
Theater für Zweijährige gab es schon immer! Klar! Aber jetzt läuft das ganze ja professionell...wir leben nun in einer Zeit, wo aus allem zuerst eine Pressemitteilung und dann eine bundesweite Initiative unter der Schirmherrschaft von Frau oder Herrn XYZ wird. In Wahrheit geht es doch gar nicht um die Zweijährigen, es geht um jene, die sich damit profilieren. Theater ist Lüge! Kriegen das die Zweijährigen auch schon auf den Weg?