Schostakowitsch verstehen : 13.10.2010 : von Martin Morgenstern
Schostakowitsch ist deprimiert, er verfasst in düsterer Stimmung quasi sein eigenes Requiem. In einem seiner Briefe heißt es: „Wie sehr ich auch versucht habe, die Arbeiten für den Film im Entwurf auszuführen, bis jetzt konnte ich es nicht. Und stattdessen habe ich ein niemandem nützendes und ideologisch verwerfliches Quartett geschrieben. Ich dachte darüber nach, dass, sollte ich irgendwann einmal sterben, kaum jemand ein Werk schreiben wird, das meinem Andenken gewidmet ist. Deshalb habe ich beschlossen, selbst etwas Derartiges zu schreiben.“
Die deutsche Schostakowitsch-Gesellschaft ist nun unlängst vom neu gegründeten Verein Schostakowitsch in Gohrisch e.V. eingeladen worden, ihre Plenarsitzung direkt im ehemaligen Gästehaus, das heute ein Hotel ist, abzuhalten. Gleichzeitig finden unter der Schirmherrschaft des sächsischen Ministerpräsidenten Stanislaw Tillich die ersten Schostakowitsch-Tage statt. Das achte Streichquartett des Komponisten gelangt ebenso zur Aufführung wie der nämliche Film „Fünf Tage – fünf Nächte“; auch Irina Schostakowitsch, die dritte Ehefrau des Komponisten, wird erwartet. Ein ganz besonderer Termin ist schon der Eröffnungsabend: Da wird das dreizehnte Streichquartett des polnischen Komponisten Krzysztof Meyer uraufgeführt.
Nach einem zeitgenössischen Komponisten gefragt, antwortet jeder Russe sofort: Schostakowitsch. Der ist ja nun streng genommen seit 35 Jahren kein Zeitgenosse mehr. Was macht heute die Faszination der Figur Schostakowitsch aus?
Es gibt verschiedene Gründe, musikalische wie gesellschaftliche. Für die einen war er ein Vertreter des Sozialistischen Realismus, ein Staatskomponist. Für die anderen war er Opfer eines totalitären Systems. Im Westen wusste man bis zum Erscheinen der von Solomon Wolkow niedergeschriebenen „Memoiren“ nicht ganz genau: ist er wirklich parteitreu oder ein Dissident? Die Figur Schostakowitsch und ihre Rolle im System war und ist für viele nicht eindeutig.
Für viele Menschen stellt Schostakowitsch heute den äußersten Vorposten der musikalischen Erträglichkeit dar. Seine Musik ist „gerade noch hörbar“, bevor die musikalische Landschaft endgültig in Kakophonie abgleitet. Was fehlt der heutigen zeitgenössischen Musik, um für mehr als ein Häuflein Zuhörer interessant zu sein?
Die Situation der modernen Musik … Dieses Streben nach avantgardistischen Mitteln, das mag für viele Musiker interessant sein, ist es aber nicht für ein breites Publikum. Das sucht nach Tonalität und freut sich, wenn die Musik harmonisch klingt. Schostakowitschs Musik ist melodisch, sie ist oft tonal oder höchstens modal, sicher nicht das, was man pauschal als moderne Musik bezeichnen würde. „Moderne“ – das ist Stockhausen, das ist Rihm, das ist Lachenmann. Die Leute sind satt von diesen Experimenten. [...]
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