Neue Musik braucht Mut zum Risiko : 05.07.2010 : von Ute König
Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts war es üblich, dass zeitgenössische Werke in Konzert- und Opernhäusern zu hören waren. Dann begann jedoch eine Entwicklung, die die „Neue Musik“ mehr und mehr von den Programmen verschwinden lies.
Wesentlich dazu beigetragen hat der Philosoph und Musiktheoretiker Theodor W. Adorno. Er wetterte gegen alles „Schöne“ und Gefällige in der Musik und forderte Innovationen. Viele Komponisten folgten Adorno. Sie konstruierten, berechneten oder ließen dem Zufall seinen Lauf - und hängten damit schon bald ihre breite Zuhörerschaft ab. Zu dissonant wurde die Neue Musik und zu kompliziert, als dass sie allein beim Hören verstanden werden konnte. So entwickelte sie sich zu einer Musik für einen relativ kleinen elitären Kreis von Kennern.
Die Gefährdung der Risikobereitschaft durch Quotendruck
Nach Schönberg pfeifenden Menschen muss man bis heute lange suchen. Gassenhauer sind nach wie vor Mozarts „Türkischer Marsch“ oder Beethovens „Neunte“. Umstritten ist zwar, ob Neue Musik eine derartige Popularität überhaupt erreichen müsse. Unumstritten ist jedoch: Was in traditionellen Konzert- und Opernhäusern gespielt werden will, muss die Säle füllen.
Und an diesem Punkt ist ein Umdenken fällig: „Es ist unsinnig, von Konzert- und Opernhäusern allzu nachdrücklich eine hohe Platzauslastung zu verlangen“, sagt Jörn Peter Hiekel, Leiter des Instituts für Neue Musik der Hochschule für Musik Dresden. „Das erinnert an den Quotendruck im Privatfernsehen und gefährdet mancherorts jene Risikobereitschaft, ohne die spannende Programmarbeit – die sich ja nach wie vor von der Qualität des Privatfernsehens unterscheiden möchte – nicht zu leisten ist.“
Tatsächlich hält sich die Risikobereitschaft in den meisten Häusern in Grenzen. Im Gewandhaus Leipzig widmen sich die „Entdecker-Konzerte“ und die Konzertreihe „musica nova“ zwar ganz der Neuen Musik. Ins Programm eines Großen Concerts schaffen es lebende Komponisten aber selten. Wenn doch, dann nur mit anschließendem Leckerli fürs Publikum: Die Neue Musik erträglich macht vielen Zuhörern scheinbar nur die Vorfreude auf einen Klassiker.
„Perpetuierung des Immergleichen“
Paradoxerweise hatten sich
viele der heute so beliebten Altmeister zu Lebzeiten stark für
das Neue in der Musik eingesetzt. So auch Robert Schumann. Über
sich selbst schreibt er 1849: „Meine Musik wurzelt in der Gegenwart
und will etwas ganz anderes als nur Wohlklang und angenehme
Unterhaltung.“ Und in seiner Neuen Zeitschrift für Musik stand
zeitgenössische Musik stets im Mittelpunkt. „Um so mehr liegen
Auseinandersetzungen mit künstlerischen Ansätzen, die aus
heutiger Sicht auf Schumann reagieren, nahe“, erklärt Jörn
Peter Hiekel. „Auch deshalb, um nicht ein Schumann-Jahr zur
langweiligen Perpetuierung des Immergleichen verkommen zu lassen.“
Die „FlügelschlagVariationen“ greifen genau diesen Gedanken für das Schumannjahr 2010 auf und schlagen eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Fünf Komponisten komponieren je einen Akt des Stücks, das Schumanns Sichten auf die Welt untersuchen und seinen Lebensweg nachzeichen soll. Uraufgeführt werden die Akte jeweils in einer der Schumannstädte Zwickau, Leipzig, Dresden, Düsseldorf und Bonn.
Die Oper Leipzig wagt sich - mit wenn auch kleinen Schritten - ebenfalls in die Gegenwart. Im vergangenen Jahr inszenierte sie Luigi Nonos Oper „Al gran sole carico d‘amore“. Begleitet wurde die Aufführung von einem umfangreichen Programm, das weit über die üblichen Stückeinführungen hinaus reichte und die Zuschauer an die Oper und ihr Thema heranführen sollte. Der Ansturm blieb allerdings aus. „Nono wurde zwar nicht mit riesigen Zuschauerzahlen angenommen. Im Durchschnitt saßen da aber immerhin 600 Zuschauer“, sagt Christine Villinger, Sprecherin der Oper Leipzig. Das sei für zeitgenössisches Musiktheater in Leipzig „gar nicht schlecht“. Und letztendlich sei die Inszenierung bei den Leuten gut angekommen.
Interesse für Neue Musik ist beim Publikum also grundsätzlich vorhanden. Es gilt nur geweckt zu werden. Und genau darauf setzt die Oper Leipzig beim nächsten Projekt noch stärker. Am 11. Februar 2011 gibt es Bertolt Brechts und Paul Dessaus Antikriegsoratorium „Deutsches Miserere“ als szenische Welterstaufführung. Stückbegleitend wird es eine Zusammenarbeit mit dem Verband Deutscher Schulmusiker geben. „Denn wenn schon Musiklehrer Hemmungen haben, die Musik des 20. Jahrhunderts zu unterrichten, müssen wir auch nicht hoffen, dass Zuschauer komplett von alleine hingehen“, erklärt Christine Villinger.
20 Uraufführungen da, fünf hier
Kultur und damit die Neue Musik zu vermitteln, ist aber auch Aufgabe des Mitteldeutschen Rundfunks. Zwar nimmt die zeitgenössische Musik einen vergleichsweise hohen Anteil des Repertoirs von Orchester, Chören und Ensembles des MDR ein. Doch der Kulturauftrag wird anderswo scheinbar ernster genommen. Vom Engagement des Südwestrundfunk mit seinem eigenen Festival für Neue Musik, den Donaueschinger Musiktagen, oder dem „Experimentalstudio“ ist der MDR weit entfernt. Zwar kann die Förderung von Musik nicht allein an verfügbarem Budget gemessen werden, die Anzahl der jährlich vergebenen Kompositionsaufträge lässt den unterschiedlich hohen Stellenwert der Neuen Musik trotzdem erahnen: Der MDR vergibt nach eigenen Angaben zwischen einem und fünf Kompositionsaufträge. Beim SWR gibt es allein in Donaueschingen 16 bis 20 Uraufführungen, hinzu kommen weitere bei Festivals, Konzertreihen etc.
In Sachen Neue Musik haben städtische und staatliche Institutionen in der Vergangenheit offensichtlich einiges versäumt. Einzelne Projekte wie das KlangNetz Dresden oder das Forum zeitgenössischer Musik Leipzig (FZML) versuchen, vieles davon aufzuholen und das Interesse für Neue Musik bei einem breiteren Publikum wieder zu wecken.
Das KlangNetz arbeitet mit zahlreichen Partnern zusammen, zu denen durchaus traditionell verankerte Institutionen gehören. Die Verbindung zur Neuen Musik schließt das jedoch nicht aus. „Die Staatskapelle und die Dresdner Philharmonie sind von Anfang an dabei und sehr daran interessiert, jenseits der Repertoirepflege Neues zu entdecken – und damit vielleicht auch jüngere Menschen vermehrt anzuziehen, die meinen, ein Symphoniekonzert sei eher eine museale Angelegenheit“, erklärt Jörn Peter Hiekel, auch Künstlerischer Leiter des KlangNetz.
Um auf Neue Musik aufmerksam zu machen, setzt das Forum zeitgenössischer Musik Leipzig (FZML) auf Events. Mit der Reihe „FreiZeitArbeit“ lockt es das Publikum regelmäßig an ungewöhnliche Orte - in der Vergangenheit ins Freibad, auf den Flughafen oder sogar ins Bordell. Am 11. Dezember 2010 wird Neue Musik zu Burgern und Pommes serviert, im Burger King Radefeld. Die Konzerte sind stets gut besucht, das Konzept scheint aufzugehen.
Die höhere Priorität von Traditionen
Trotzdem musste der Verein auch im 20. Jahr seines Bestehens um seine Berechtigung kämpfen. Anfang dieses Jahres verkündet das FZML, dass ein Teil der Arbeit eingestellt werden müsse. Komplett selbst finanzieren können sich solche Projekte nicht. Sie sind angewiesen auf Fördergelder von Bund und Kommunen. Letztere haben bekanntlich wenig Geld für kulturelle Einrichtungen – und wenn doch, haben traditionelle Institutionen höhere Priorität. Das bekam das FZML deutlich zu spüren: Die Stadt hatte eine institutionelle Förderung zum fünften Mal in Folge abgelehnt. „So fehlt uns nun endgültig der institutionelle Unterbau“, erklärte der Vorstand des FZML. Erst nach harter Überzeugungsarbeit wurde die Förderung doch noch gewährt. Die Arbeit kann fortgesetzt werden.
Ein Nachgeschmack bleibt trotzdem: Zeigt dieses Beispiel, dass die Neue Musik häufig in den Schatten gedrängt wird. Und wenn das weiter so bleibt, wird von den pfeifenden Menschen auch in 50 Jahren kaum mehr als Mozart oder Beethoven zu erwarten sein.

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