Musik löst die Zeit auf : 05.04.2010 : von Juliane Meckert
Warum Percussion?
Ich komme aus einem musikalischen Elternhaus, wo Musik einfach da war. Zuerst habe ich Geige, dann Klavier gespielt. Trommeln - das war dieser klassische Anfang in der Küche auf den Kücheninstrumenten, auf Töpfen mit irgendwelchen Löffeln. Ich glaube, das ist etwas ganz Unmittelbares für jeden Menschen, weil man es leicht erzeugen kann, wenn man nur vom Rhythmus ausgeht. Ein Rhythmus ist eine dezimierte Wiederholung von verschiedenen Schlägen in einem Abstand. Dieser entsteht wahnsinnig schnell, er entsteht beim Laufen und beim Atmen. Wir sind total geprägt vom Rhythmus, und ich denke, es geht wohl vielen Musikern so, und bei Rhythmikern total extrem: Du kannst nirgendwo hingehen, ohne Rhythmus zu hören. Das Stuhlknarren jetzt eben ist Rhythmus, und jetzt noch mal es ist wie eine Partitur, die immer da ist. Man sensibilisiert sich total für dieses rhythmische Hören. Das ist etwas Spannendes und sehr Unmittelbares.
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Die Trommel ist ein sehr spirituelles Instrument. Wenn man ein Instrument spielt, ist es oft so, dass man in eine andere Welt entgleitet. Aber die Spiritualität beim Trommeln hat für mich noch eine Sonderstellung - kannst du das in Verbindung bringen?
Unbedingt, da gibt es verschiedene Aspekte. Es gibt das Spiel für sich, bei dem man sich sehr auf diese Spiritualität konzentrieren kann. Dass dieses Instrument uns so unmittelbar berührt, hängt erstens mit dem Rhythmus und unserem Herzen, aber auch mit den Schwingungen zusammen. Wenn ich eine große Trommel mit 50 Zentimeter Durchmesser habe und diese vibriert, vibrieren auch meine Lunge und mein Herz. Das ist ganz körperlich. Jedes Instrument, das ich spiele, ist körperlich. Wenn ich so ein Ressonanzfeld vor mir habe, ist es wirklich ein Erlebnis, das ich körperlich erfahre. Die zweite Sache ist die - wie mache ich das im Konzert, wie kann ich das Publikum berühren oder mit hinein nehmen in dieses Erlebnis. [...]
Eine spirituelle Erfahrung.
Die Spiritualität spielt eine große Rolle, die mit dem Instrument oder mit der Klangerzeugung zusammen hängt, und die man in sein Spiel unbedingt einbeziehen muss. Ich denke, man kann die anderen berühren und auch sich selbst heilen. Der Begriff Percussion wird auch in der Medizin verwendet. Das heißt dann Erschütterung. Der Körper wird abgeklopft, um etwaige Krankheiten zu diagnostizieren. Ich hab meine Diplomarbeit über die Tarantella geschrieben. Das ist ja auch ein medizinisches Ding: Extase wird angeregt, durch den ständigen Rhythmus, der sehr treibend, sehr kräftig ist und stundenlang gespielt wird. [...]
Percussion und Trommeln wird in unserem Kulturkreis eher Männern zugeordnet.
Die Trommel kommt aus dem Tempel und war einst der Besitz einer Göttin. Sie war früher ein ausgesprochenes Fraueninstrument. Es gibt auch noch Gegenden, wo das immer noch so ist. Beispielsweise in Spanien gibt es einen Landstrich, da spielen nur die Frauen die Trommel. Auf uralten Vasen sind auch immer Frauen Trommel schlagend dargestellt. Jetzt gibt es relativ wenige Frauen, die diese Rahmentrommeln spielen. Aber wie beim Schlagzeug durchmischt sich das, langsam. Ich glaube, eine Frau spielt anders Schlagzeug als ein Mann. Ich habe selber Schlagzeug gelernt und erlebt, dass man neue Wege finden muss, weil es Quatsch, ist Männer zu imitieren. Von der Kraft und Bewegung her musst du wirklich an etwas Eigenem arbeiten, was nicht unbedingt einfach, aber spannend ist. Da der Körper anders funktioniert und vielleicht auch der Kopf. Entscheidend ist die Frage, ob man es aus sich heraus tut oder weil man gewohnt ist, es so zu hören. [...]
Das vollständige Interview mit Nora Thiele lesen Sie in Kunststoff, Ausgabe 19.
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