Mit Klängen und Tönen ins Leben : 18.01.2011 : von Claudia Laßlop
Sprechen wir bei Musiktherapie von einer Therapie mit Musik oder von Musik, die therapiert?
Beides. In der Naturmedizin spricht man von Musik, die therapiert. Unsere Vorfahren haben bestimmte Rhythmen, Klänge und Töne ausgesucht, die das vegetatitve System umstimmen. Diese heilende Wirkung hat Musik nach wie vor und wenn sie richtig genutzt wird, kann sie Körper und Seele umorganisieren, umstimmen. In der Musiktherapie der neueren Zeit geht es unter anderem um Kommunikation durch Musik, man wechselt die Ebene, unterhält sich nicht nur mit Worten, sondern über Instrumente, Klänge. Etwa dann, wenn man lange über etwas nachdenkt oder redet und dabei zu keinem hilfreichen Ergebnis kommt. Dann fängt man an zu experimentieren, probiert etwas aus, auch ohne ein Instrument spielen zu können. Es hat ja jeder seine eigene Art, mit dem Leben umzugehen, und die spiegelt sich auch im Umgang mit den Tönen und Rhythmen im musikalischen Dialog. Manchmal werden unsere Muster, dass Leben zu bewältigen, erst deutlich, wenn wir das Medium wechseln. Und man bekommt vielleicht eine Idee davon, wie man etwas verändern kann, damit es leichter geht, flüssiger wird, einem selbst mehr entspricht.
Wann kommen Menschen zu Ihnen?
Zu
mir kommen Leute, die gerade in einer Umbruchphase stecken und die
sich mit Musik wohl fühlen. Außerdem habe ich hier
Mutter-Kind-Gruppen. Ich interessiere mich für die
vorgeburtliche Psychologie und die Zeit kurz nach der Geburt. Leute,
die sich in diesem frühen Bereich gestört fühlen, sich
da wieder eingeholt fühlen, sind bei mir gut aufgehoben.
Und worum geht es in Ihrer Arbeit in den Mutter-Kind-Gruppen?
Es geht um Musik im Alltag, sich mit Musik und miteinander wohl zu fühlen. Über Lieder und Verse zu kommunizieren und Musik dabei zu nutzen, um in einer Gruppe gemeinsam zu schwingen, Erfahrungen zu machen, die in traditionellen Kulturen selbstverständlich sind. Kinder und Mütter hören aufeinander und lernen spielend, bewusster miteinander umzugehen. Gleichzeitig werden Kreativität und Sprachgefühl gefördert.
Wie sehen die Treffen einer Mutter-Kind-Gruppen aus?
Es geht nicht wie bei der Früherziehung ums Lernen im Sinne von "den Kindern von früh an musikalische Basics beizubringen". Das Entscheidende ist die Erfahrung, sich in einer Gruppe mit Musik und miteinander wohl zu fühlen. Dass manche Dinge im Alltag leichter gehen, wenn man dazu singt, sich austauscht in der Gruppe, gemeinsam tanzt. Anfang es Kurses sind die Kinder ganz nah bei ihren Müttern oder Vätern, um anzukommen in der noch unbekannten Welt mit den anderen Kindern und Müttern und mit den Instrumenten. Wenn sie sich sicher genug fühlen, werden sie neugierig und krabbeln los und forschen. Während sie etwas ausprobieren, nehmen wir natürlich wahr, was sie machen und reagieren musikalisch darauf, gleichzeitig haben wir aber auch eine Gesprächsrunde oder lernen ein Lied. Sobald wir merken, dass Kinder wieder Kontakt , machen wir vielleicht einen gemeinsamen Tanz oder ein Schaukellied. Bis sie wieder loskrabbeln.
Es geht also nicht um die Therapie von Krankheiten oder Störungen?
Ich würde meine Arbeit als Präentivarbeit sehen, die bestimmten Kommunikationsstörungen vorbeugt. Ich vermittle das Wissen, darauf zu achten, wann die Kinder Zuwendung brauchen und wann es wichtig ist, sie auch wieder los zu lassen. Am Anfang brauchen die Kinder sehr viel Fürsorge. Wenn sie auf die Welt kommen, sind sie darauf angewiesen, dass jemand versteht, was sie gerade brauchen. Wenn sie größer werden, ist es wichtig, diese Fürsorge ein bisschen zurück zu nehmen, laufen zu lassen und nur hinzugehen, wenn sie einen brauchen. Das mitzubekommen, ist gar nicht so einfach. Und die Arbeit hier ist ein Stück Entwicklungsbegleitung.
Erwachsene erklären ja gern, wie etwas richtig gemacht wird. Dagegen geht es Ihnen also auch darum, Erfahrungen zuzulassen.
Ja, einem Einjährigen sollte man nicht ständig etwas erklären. Das ist zu früh. Und auch sonst sollen Kinder alle Erfahrungen, die sie gut verkraften können, selber machen.
Sie arbeiten auch mit Schwangeren. Worin besteht dabei der musiktherapeutische Ansatz ?
Mir geht es darum, dass die Schwangeren ganz früh den Kontakt zu ihrem Kind aufnehmen. Einerseits ist da eine ganz große Nähe, die später nie wieder so sein wird. Auf der anderen Seite ist eine große Fremdheit, eine Unsicherheit und eine stöungszentrierte Begleitung durch Ärzte. Da wird gemessen und durchleuchtet, bewertet. Das verursacht eine Unruhe, die manchmal den entspannten Kontakt zwischen der Frau und ihrem heranwachsenden Kind verhindert. In ganz vielen Kulturen ist es dagegen einfach selbstverständlich, dass Schwangere singen, sich ein Lied für ihr Kind ausdenken.
Es gibt allerdings jede Menge Bücher, die Müttern sagen, wie sie mit ihren Kindern am besten umgehen sollen.
Das ist das Fruchtbare. Man kann einer Mutter auch sagen 'Schau dir dein Kind an, dann siehst du, was zu tun ist'. Der Punkt ist das Mitschwingen, das Empathisch-Sein. Man braucht weniger Ratgeber, wenn man einfach mal beobachtet. Was ist da, wie geht es mir damit, wie könnte es meinem Kind damit gehen, wie könnte sich fühlen. Es ist eigentlich eine Frechheit, was Mütter sich an Ratschlägen anhören müssen.
Und an dieser Stelle machen Sie Musik zu einem verbindenden Element zwischen Mutter und Kind?
Ja. Musik ist ein Drittes, das eine Hülle gibt, eine Sicherheit für die Mütter, um sich zurück zu lehnen. Denn oft müssen sie erst gestützt und gehalten werden, bevor sie ihr Kind stützen und halten können. Und das passiert mit Musik in ganz hohem Maße. Es ist Tabu, wenn eine Mutter zugibt, sich ihrem Kind gegenüber fremd, hilflos zu fühlen - aber das gibt es. Mutter-Kind-Gruppen schaffen hier einen Rahmen, in dem auch bestimmte Tabus einen Platz haben.
Und ist es ein Hindernis, dass die Kurse nicht von der Krankenkasse bezahlt werden?
Das ist schade, aber das geht nicht nur den Musiktherapeuten so, sondern auch den Kunsttherapeuten, den systemischen Therapeuten... also mittlerweile sehr effektive Therapierichtungen, deren Vielfalt ich auch wichtig finde. Denn jeder hat einen anderen Weg, sich zu nähern. Und ich finde es gut, dass es viele Angebote gibt und sich jeder raussuchen kann, was für ihn bei schwierigen Themen ist. In einer Therapie kommt es in erster Linie darauf an, dass es jemandem gibt, der so mitschwingt, dass ich das Gefühl habe, verstanden zu werden.
Was würden Sie sagen - wie viel Musik ein Mensch braucht?
Man kann Musik sehr weit fassen. Das Herz schlägt, es gibt innere Schwingungen und dann ist Musik einfach Leben. Und solange man lebt, ist man Musik. Wenn ein Mensch Musik hört, bildet das Gehirn Stoffe wie Dopamine, Beta-Endorphine und Oxytocine, die bewirken, dass der Mensch sich aktiv und wohl fühlt und weniger Schmerzen hat. Man ist nicht nur wach, sondern kontaktbereit, aktiv. Wenn man selbst Musik macht, werden sehr viel mehr dieser Stoffe gebildet und wenn jemand Musik macht und sich dabei noch bewegt, ist die Dosis noch höher. Und das ist erholsam, heilsam, das System regeneriert sich.
Ist es eine Frage der Kultur, wie musikalisch Menschen sind?
Musik ist keine Frage des Reichtums. Interessant ist, dass Menschen singen, um sich darüber auszugleichen. Auch in aussichtslosen Situationen kann Musik Halt geben. Musik hat man in sich, wir müssen diesen Schatz nur nutzen. Wenn man mit Kindern in der Gruppe, aber auch im Alltag zu Hause singt, rüstet man sie über dieses Erleben, diesen Umgang mit Tönen, für spätere, schwierigere Zeiten aus.
Vielen Dank für das Gespräch.
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