Die Gegenwart ist eine Museumsinsel : 05.07.2010 : von Ute König
Die
Musik zeitgenössischer Komponisten findet man auf aktuellen
Konzertprogrammen eher selten. Lieber
werden die Zuhörer wortwörtlich mit Klassikern ins Konzert
gelockt. Wie fühlt es sich an, mit toten Kollegen in Konkurrenz
zu stehen?
Grundsätzlich ist Konkurrenz immer belebend, ob mit Zeitgenossen oder mit schon verblichenen Kollegen. Bedenklich wird die Angelegenheit erst, wenn die Balance nicht mehr stimmt und Publikum wie Interpreten zu sehr in der Vergangenheit verankert sind, damit die Gegenwart zu einer Museumsinsel machen und dadurch bedingt auch den Blick für die Zukunft verlieren. Dies ist leider zu einem Großteil im klassischen Musikbetrieb anzutreffen. Aber, und das wissen wir ja eigentlich alle - oder fast alle - dieser Teil der Musikmaschinerie ist halt genauso glatt, langweilig und kommerzialisiert wie die glitzernde Anderswelt der Popikonen und -sternchen. Man hat Angst vor Neuem, Risiko, Fremdem, Nischen, ist oft bequem und scheut den geistigen wie arbeitstechnischen Mehraufwand.
Noch Anfang des 20. Jahrhunderts war es normal, dass zeitgenössische Musik in den Konzert- und Opernhäusern zu hören war. Die „Neue Musik“ hat sich in den letzten 50/60 Jahren allerdings immer stärker zu einer Musik der Elite und Kenner entwickelt. Was ist falsch gelaufen?
Da gibt es die unterschiedlichsten Faktoren: zwei grausame Weltkriege im 20. Jahrhundert, danach zerstörte und ängstliche Gefühle für Ästhetik und Schönheit, die extreme Kommerzialisierung von U- und E-Musik, leider auch eine elitäre Entwicklung der so genannten „Neuen Musik“ vor 100 Jahren, eine Ausgrenzung des Publikums, ein Entweder-oder-Denken in Sparten, Stilen, Genres, also entweder U- oder E- oder Pop oder Jazz oder Klassik oder Film usw. Das eine Genre wurde oft gegen das andere ausgespielt, was ja in den vorangehenden Jahrhunderten so überhaupt nicht stattfand als Kampf oder Streit zwischen den unterschiedlichsten Stilen. Aber es gibt Hoffnung! Die künstlerisch-musikalischen Grenzen verschieben oder lösen sich auf, Toleranz und Offenheit nehmen international zu, langweilig-akademisches Denken ist auf dem Rückzug – langsam, sehr langsam auch in Deutschland...
Es gibt einige Versuche, die Neue Musik mehr in die Öffentlichkeit zu rücken, unter anderem vom KlangNetz Dresden oder dem Forum zeitgenössischer Musik Leipzig. Wie wichtig sind solche Institutionen?
Unwichtig sind diese Institutionen nicht, die notwendigen Unternehmungen, die experimentellen Stränge der neuen Musikentwicklung wach und lebendig zu halten, zu unterstützen. Bedenken habe ich nur, wenn man versucht, die so genannte Neue Musik aus ihrem Dornröschenschlaf im Elfenbeinturm zu befreien und an manchmal sehr abstrusen Orten aufzuführen. Ich denke, das ist ein falscher Ansatz. Da muss sich zuerst einiges in den Köpfen der Komponisten ändern, in der Perspektive hin zum Publikum, zu den Interpreten, zur Gesellschaft, und erst dann kann man über andere Spielstätten diskutieren. Ein langweiliges Stück Musik bleibt langweilig, egal ob im Gewandhaus oder im Schwimmbad aufgeführt.
Ihre Musik ist vergleichsweise einfach zugänglich. Ist dies eine bewusste Entscheidung für das Publikum?
Das ist Zufall, zugegeben ein glücklicher. Ich bin in einem musikalisch offenen Elternhaus groß geworden, ohne ästhetische und stilistische Einschränkungen. Jazz, Klassik, Improvisation, Kammermusik, Pop, alles wurde gehört, gespielt, diskutiert, ohne dieses sattsam bekannte Ausgrenzen. Trotz einer sehr kontemplativen Arbeitsweise in der Komposition - bedingt durch das individuelle Arbeiten - ist der Wille nach unbedingter Kommunikation stark ausgeprägt bei mir, Autismus und Selbstzweck liegen mir fern. Ein ganzheitliches Denken hat sich in den letzten zehn Jahren immer mehr in den Blickwinkel meiner kompositorischen Ambitionen geschoben, auch die Nähe zu anderen Künsten und die Neugier für andere Kulturkreise sind mir wichtig.
Wenig Nachfrage braucht wenig Angebot – könnte man meinen. Wie viele Kompositionsaufträge bekommen sie? Lässt es sich davon überhaupt leben?
Das kommt immer auf die jeweilige persönliche Situation des Komponisten an, ob er Familie hat, wo er wohnt, welche Ansprüche er hat, ob er viel reist. Generell arbeite ich fast immer mit einem Auftrag, werde von Interpreten nach neuen Werken angefragt. Derzeit plane ich bis 2014, da ist alles dabei, Orchester, Chor, Kammermusik. Aber auch Organisation von Folgeaufführungen weltweit, CD-Produktionen und Veröffentlichungen durch meinen Verlag nehmen mittlerweile erheblich Zeit in Anspruch.
Als erfolgreicher Komponist sind Sie auch Aushängeschild. Was tut eine Stadt wie Leipzig oder eine Region wie Mitteldeutschland für seine lebenden Komponisten?
In Leipzig lebe ich gern. Die Stadt strahlt nach wie vor ein enormes musikalisches Flair aus, die Dichte an hervorragenden Musikern ist unglaublich. Mir fehlt nur eine kosmopolitische Atmosphäre. Aber es gibt ja den Bahnhof und den Flughafen - und Berlin in der Nähe! Mit dem Gewandhaus und dem MDR arbeite ich seit vielen Jahren sehr intensiv und erfolgreich zusammen. Dennoch muss ich leider sagen, dass die regionale Leipziger Presse und die Stadt selbst die wenigen auch international erfolgreichen Musiker nur marginal wahrnehmen. Man hat schon den Eindruck, dass die kommerziell wesentlich erfolgreichere Malerei auch erheblich stärker in das Bewusstsein der Stadt hineingezogen und in der Öffentlichkeit vermarktet wird.
Sie orientieren sich sehr in Richtung Ausland. Im vergangenen Jahr waren Sie beispielsweise Composer in Residence beim Festival "Land of Disobedience" in Litauen.
Meine Musik wird weltweit aufgeführt, mein Netzwerk ist sehr groß, international und kosmopolitisch. Dieser Ansatz ist mir wichtig, ich reise sehr gern und assimiliere stark. Oft arbeiten auch Festivals und das Goethe-Institut mit mir zusammen, so auch voriges Jahr in Litauen.
Sind die Chancen speziell auch für den Nachwuchs im Ausland besser?
BF: Das kann man nicht sagen. Deutschland ist ein Paradies für Musiker, Komponisten, Interpreten. Nirgendwo sonst weltweit ist die Dichte und Förderung für Musik im allgemeinen so exzellent, nur hier gibt es auch so viele freie Ensembles für Neue Musik, freischaffende Musiker mit so vielfältigem Background.
Die Jubiläumsjahre welcher Komponisten werden wohl in 100 oder 200 Jahren gefeiert?
No idea! Glücklicherweise lässt sich das überhaupt nicht voraussagen. Allein die musikalische Welt von 1989 ist mit der heutigen kaum noch zu vergleichen. Eines weiß ich nur: die jetzige klassische Musiklandschaft wird es so in 100 oder 200 Jahren nicht mehr geben: weniger Orchester, neue Räume, andere Strukturen, Vernetzungen, Lebensweisen. Die Übersättigung mit klassischer Musik ist in vollem Gange - glücklicherweise! Denn dadurch bedingt wird man in wenigen Jahren anfangen mit der Entdeckung und Aufarbeitung des unglaublich spannenden 20. Jahrhunderts, und das flächendeckend!
Bernd Franke
wurde 1959 in Weißenfels an der Saale geboren. Er studierte Komposition und Dirigieren an der Hochschule „Felix Mendelssohn Bartholdy“ in Leipzig. Seine späteren Lehrer waren unter anderem Leonard Bernstein und Hans Werner Henze. In seiner Arbeit besonders beeinflusst haben ihn die Komponisten Witold Lutoslawski, John Cage und Morton Feldmann, aber auch Maler wie Chagall, Goya und Joseph Beuys. Zu seinem Werk gehören beispielsweise die Zyklen „half-way house – SOLO XFACH“, „CUT“ und „IN BEWTWEEN“. Bernd Franke ist Professor am Institut für Musikwissenschaft der Universität Leipzig und Mitglied der Akademie der Künste Dresden.
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