Eine Geschichte von der Suche – Fabio Volos „Einfach losfahren“ : 13.07.2010 : von Franziska Krakow

„Einfach losfahren“, die Welt erkunden, sich selbst finden - das ist Micheles großer Wunsch. Und doch tut er es erst nach dem tötlichen Unfall seines besten Freundes Federico.
Das alte Leben einfach hinter sich lassen, alle Zelte abreißen und etwas Neues beginnen. Es klingt so einfach und doch ist es der schwerste Schritt eines jeden Menschen. Federico hat es getan, lebt glücklich damit und versucht seinen besten Freund aus der Depression des Alltags zu befreien. Doch Michele tut dies ab. Er vernimmt den Wunsch nach einem anderen Leben und der gleichen Leichtigkeit, die auch Fede besitzt, traut sich jedoch nicht die Sicherheit der Routine aufzugeben.
„Glück bedeutet nicht, immer zu tun, was man will, sondern vielmehr zu wollen, was man tut.“, so zitiert der Autor einen alten Bekannten, Friedrich Nietzsche.
Doch eines Tages, sein persönlicher 11. September, fällt für Michele alles zusammen. Die Beziehung zu seiner Freund Francesca war gerade frisch beendet, die zu seine Schwester und seinem Vater sowieso schon immer gestört und nun ereilte ihn auch noch eine Nachricht Federicos. Er war bei einem Motorradunfall ums Leben gekommen.
Michele trifft dies wie ein Schlag. Sein langjähriger Freund, ja mehr sogar eine Art Bruder, ist tot. Er erträgt sein trostloses, einfältiges Leben nun nicht mehr und fliegt einfach los. Ohne Abschied, ohne Notiz eines Ziels.
Auf den Kapverden hatte Federico mit seiner Freundin eine Pension aufbauen wollen, eine Posada. Dort verschlägt es Michele nun hin. Neun Monate lang arbeitet er dort an dem Projekt seines Freundes mit und wird ein enger Vertrauter von Sophie, die ihm bald eröffnet, dass sie ein Kind von Fede bekäme.
Mit dem Heranwachsen des Kinde in ihrem Leib, wächst nach einer Panikattacke und der endlich begonnenen Trauer über den Verlust Federicos nun auch ein neues Ich in Michele heran. Er lernt eine andere Art zu leben, wird ruhiger, ausgeglichener und sichtbar glücklicher.
Nach der Geburt des Mädchen Angelica reisen Michele und Sophie mit dem Baby nach Italien zurück, um die Kleine Federicos Eltern vorzustellen, die bis dato nichts von dem neuen Familienmitglied wussten.
Alles wendet sich nun zum Besseren. Die Beziehung zu Schwester und Vater wird stärker, welche nach dem frühen Tod der Mutter stets angespannt war. Auch ein vorsichtiger Kontakt zu Francesca entsteht wieder. Nach vereinzelten Treffen flammt die Liebe von Neuem auf, die ja nie wirklich erloschen war. Sie hätten sich einfach nur zur falschen Zeit getroffen. Zu einer Zeit der Unreife und Überdrüssigkeit des eigenen Lebens.
„Man muss erst sich selbst lieben, um von einem anderen geliebt zu werden.“, merkt der Ich-Erzähler an dieser Stelle an. Die Beziehung der Beiden läuft nun auf einer völlig anderen Basis. Sie beschützen ihre Liebe mit allen Kräften, achten auf einander und geben sich völlig hin, woraus am Ende die kleine Alice erwächst.
Fast das gesamte Buch hindurch sitzt Michele im Nebenraum des Kreissaales, in welchem Francesca gerade die gemeinsame Tochter zur Welt bringt. Michele nutzt die Zeit, um auf sein bisheriges Leben zurück zu schauen. Es ist eine Erzählung voll von Liebe und philosophischen Sequenzen. Man macht alle Phasen der Trauer durch, wird in die Gedankenwelt des Ich-Erzählers gezogen und fühlt sich am Ende selbst völlig verändert.
Laut Fabio Volo ist es nicht die Frage nach dem Sinn des Leben, die für uns wichtig ist, denn darauf gibt es keine Antwort. Viel mehr ist es doch jene, was wir aus unserem Leben mach und ob wir damit glücklich sind.
Es handelt sich um einen Roman, der Spaß am Lesen bereitet, zum Nachdenken anregt und das Herz trotz der Strapazen des Alltags wieder etwas leichter macht. Und doch ist anzumerken, dass der Originaltitel „Un posto nel mondo“ - ein Platz in der Welt, weit passender ist als seine deutsche Übersetzung. Geht es doch hier nicht um die Reise in die Welt selbst, sondern um uns, um unsere Stellung auf diesem Planten und wie wir uns selbst finden.
Fabio Volo: Einfach losfahren
Diogenes, Zürich 2009; 286 S., 19,90 €
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