Frischer Wind für die Grenzregion : 05.10.2010 : von Karoline Gil
Seit einigen Jahren gibt es bereits das Jugendkulturprojekt fokus, welches nach monatelanger Vorbereitung in ein großes eintägiges Festival mündet. Wie kam es zu der Idee?
Dem Projekt vorausgegangen ist eine Jugend- und Freizeitmesse, die von der Stadt Görlitz organisiert wurde. Zu dieser Zeit war es noch üblich, dass die Stadt Veranstaltungen dieser Art durchgeführt hat. Das ist seit sieben Jahren nicht mehr der Fall. Daraufhin haben sich Jugendliche beschwert, dass nicht ausreichend Angebote für sie vorhanden sind. So wurde das Konzept der Jugendmesse umgewandelt und an freie Träger herangetragen. Leider führte das zu keinem Erfolg. Unabhängig davon habe ich mir gedacht, dass etwas unternommen werden sollte, damit Jugendliche wieder wahrgenommen werden und sehen, dass sie tatsächlich Möglichkeiten haben. Vor diesem Hintergrund wollte ich ein Projekt konzipieren, welches alles abdeckt, was im weitesten Sinne Jugendkultur ist. Das Projekt sollte kreative Jugendarbeit und Kulturarbeit für Jugendliche bündeln und auch noch im Kern deutsch und polnisch sein. Meiner Ansicht nach, hat die Stadt Görlitz nur ein Potential und das ist die Grenzlage – aber nur wenn die Chancen positiv und gemeinsam genutzt werden. Wichtig war, ein gutes Konzept zu entwickeln, welches nicht einfach eine Messe sein sollte, sondern ein interaktives und publikumsorientiertes Jugendkulturfestival.
Wird das Programm mit den Jugendlichen aus Görlitz gemeinsam entwickelt?
Alle in unserem Team sind knapp über 20 Jahre alt. Somit sind wir sehr nah am Zielpublikum. Wir erhalten auch immer Feedback seitens der Teilnehmer. Es ist tatsächlich ein Festival von Jugendlichen für Jugendliche. Das Festival wird auch mehr und mehr angenommen und wird von zwischen 700 bis 1000 Personen besucht. Es wäre aber utopisch zu glauben, dass wir die Jugendlichen mit dem Festival in Görlitz halten können, denn das hängt eher vom Gesamtangebot und Attraktivität der Stadt ab. Ich bin der Meinung, dass es ganz natürlich und sogar gesund ist, nach Abschluss von Schule oder Studium aus der Stadt wegzuziehen. Es geht bei dem Festival eher darum, Jugendlichen die Potentiale kreativer Entfaltung aufzuzeigen. Wir wollen ihnen schon früh „Spirit“ und Energie mitgeben. Das ist auch daher wichtig, da sich nur wenige junge Menschen engagiert oder kreativ betätigen und somit auch anfälliger für beispielsweise rechtsradikale Tendenzen sind.
Wie setzt ihr dieses Vorhaben um? Wie gestaltet sich das Programm?
Das Programm ist sehr beteiligungsintensiv. Es gibt 50 Jugendinitiativen, die vor Ort sind und sich aktiv einbringen. Es gibt zum Beispiel einen Zirkusworkshop, Pantomime-Training, Capoeira, einen Skatepark, eine BMX-Strecke oder Breakdance-Battles. Wir versuchen alle Aktiven aus der Region zusammenzubringen, entwickeln den Rahmen dafür und geben ihnen eine Plattform, Jugendliche zu erreichen. Als Besucher ist man vielleicht nicht gleich beim ersten Mal bereit am Programm aktiv mitzumachen. Aber wenn man sieht, wie vielfältig das Angebot ist und welche Energie dahinter steckt, passiert das vielleicht beim zweiten Besuch. Man erfährt kreative Energie vor Ort, da viele Menschen an einem Platz zusammen kommen und alle etwas Cooles machen – nicht nur Töpfern. Das Wichtigste ist, diesen Spirit mitzunehmen.
Fehlt dem deutsch-polnischen Grenzraum eben dieser Spirit?
Ich denke schon. Das Problem ist, dass es viele Einrichtungen in der Region gibt, die aber keinen Zugang zu Jugendlichen haben. Sie holen sie nicht in ihrer Lebenswelt ab und wirken damit nicht authentisch. Das Ziel ist es, dass wir die Jugendlichen sowohl vom Layout als auch vom Inhalt her ansprechen. Wir bringen die Jugendlichen auf den Platz. Sicher nicht alle und damit nicht alle sozial Benachteiligten oder Ausgegrenzten. Aber auch einen kleinen Teil von ihnen – mit einem guten Konzept und unserem Know-How. Das Fokus-Projekt ist mehr als nur ein Festival. Es ist ein nachhaltiges Jugendkulturprojekt. Es ist uns wichtig, dass sich die Akteure und Aktiven in der Region viel besser in der Region vernetzen und gemeinsam agieren. Wir haben zum Beispiel zwei Netzwerktreffen und Workshops für Erwachsenen zum Thema Jugendkultur organisiert oder übernehmen Projektpatenschaften für Jugendliche, die etwas realisieren wollen. Das alles ist Teil von Fokus.
Was sind die deutsch-polnischen Aspekte des Projektes? Wie erreicht ihr das polnische Publikum?
Wir haben seit 2006 polnische Partner. Sie kommen aus Stettin, Poznań, Wrocław und jetzt auch aus der direkten Partnerstadt Zgorzelec. Es ist der Verein „Unsere Stadt“/„Nasze Miasto“. Die Zusammenarbeit ist doch eine andere, wenn man vor Ort ist und einfach auf die andere Seite der Neisse gehen kann. Der Hintergrund für ein offenes Programm ist auch, dass wir Punkte ins Programm nehmen, die besonders innovativ und hip sind und über das Engagement der Region hinausgehen.
Was ist genau das Neue und Innovative?
Dieses Jahr ist es zum Beispiel das Projekt „IBUG Art“, eine Form von Industriebrachen-Umgestaltung. Diese Ideen übernehmen wir aus der Nähe von Zwickau. Dazu kommen Sprayer zusammen und gestalten das brach liegende Industriegelände. Ein anderes Beispiel aus Leipzig ist das Label „analogsoul“, bei denen alles von der Musik bis zur CD-Produktion handgemacht ist. Das ist für uns etwas Neues. Es soll Personen in der Region anregen, die Vielfalt und die Möglichkeiten wahrzunehmen.
Aber zurück zum deutsch-polnischen Kontext: Im Programm haben wir polnische Bands und Gruppen. Wir kommunizieren alles zweisprachig, alles ist deutsch und polnisch. Wir haben zum Beispiel einen deutschen und einen polnischen Moderator, die ein eingespieltes Team sind. Ein Problem ist vielleicht, dass es auf polnischer Seite nur drei Jugendinitiativen gibt. In Polen wird das Thema Jugendkultur ganz anders organisiert. Auf deutscher Seite kann man sich relativ unkompliziert an ein soziokulturelles Zentrum wenden. Für Jugendkultur gibt es auf polnischer Seite noch keine zentrale Jugendkultureinrichtung. Es gibt natürlich Jugendgruppen, die aber schwerer zu erreichen sind. Was die Besucher des Festivals anbetrifft, so kommen ungefähr 80 Prozent Deutsche und 20 Polen zu uns – je nach Attraktivität des Programms.
Wie reagiert die Stadt Görlitz auf den Erfolg des Festivals? Wurde die Förderung im Laufe der Jahre angehoben?
Die Stadt unterstützt das Projekt im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Aber es sind tatsächlich weniger als 10 Prozent des Gesamtbudgets. Das ist generell das Problem der Soziokultur, zu der unser Projekt gerechnet wird. Die Soziokultur ist im Verhältnis zu anderen Sparten und zum Output absolut unterfinanziert. Wenn wir alle unsere Arbeitsleistungen gegenrechnen oder die Künstler Honorar verlangen würden, dann wären die Projektkosten um ein Dreifaches höher. Aber gerade solche Projekte sollten mehr gefördert werden, um die Motivation und das Engagement stärken. Mittlerweile habe ich Erfahrung in Sachen Antragstellung und weiß, an wen ich mich richten soll. Es gibt aber nur wenig Förderung für „Präventivprojekte“ dieser Art.
Was hat sich nach der EU-Osterweiterung und dem Beitritt Polens zum Schengenraum konkret in der Region geändert? Wurden bisher alle Chancen der Annäherung genutzt?
Die Probleme der Stadt Görlitz kann man nicht leugnen. Ich kenne immer noch Görlitzer, die über die Grenze gehen, nur um Zigaretten zu kaufen. Aber es hat sich etwas geändert. Alles befindet sich in einem Prozess. Ich spüre, dass Görlitz keine „nur“ deutsche Stadt ist. Es gibt auf polnischer Seite immer mehr Angebote zum Beispiel auf dem gastronomischen oder kulturellen Bereich. Es wäre gut, wenn sich alles noch mehr vermischen würde. Konkret spürbar ist eine größere Bereitschaft, über die Grenze zu gehen.
Gibt es Best-Case Beispiele aus der Festivalgeschichte, die für eine Annäherung von Jugendlichen in Görlitz stehen?
Ich könnte viele Beispiele nennen. Eine polnische Breakdance-Gruppe, die sich während des Festivals gegründet hat, trainiert nun in den Räumlichkeiten eines deutschen Vereins. Eine polnische Band hat sich mit einer deutschen Band ausgetauscht, Songs gemischt und gemeinsam eine LP herausgebracht. Eine grundsätzliche Sache ist, dass sowohl für die Akteure als auch für das Publikum zählt, dabei gewesen zu sein. Sie fahren mit dem Gefühl, dass sich etwas bewegt. Sie kommen wieder.
Wie siehst du die Zukunft des Festivals? Du bist selbst nach Berlin gezogen, engagierst Dich aber weiter ehrenamtlich für Görlitz und die Jugendlichen.
Das Projekt ist stark an das persönliche Engagement gebunden. Da wir alle ehrenamtlich tätig sind, ist vieles nur eingeschränkt möglich. Wir könnten noch viel mehr organisieren. Der Idealfall wäre, wenn wir nur eine Koordinierungsfunktion für schon bestehende Initiativen oder Projekte inne hätten. Eine weitere Idee könnte sein, eine interaktive deutsch-polnische Landkarte für Jugendkultur zu entwickeln. Es gibt bereits eine deutsch-polnische Internetlandkarte der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit, auf der die meisten deutsch-polnischen Einrichtungen verzeichnet sind. Darauf könnte man aufbauen. Wir haben überlegt, dieses Projekt von unseren Verein aus durchzuführen. Hier reichen aber die Kapazitäten nicht. Ich bin fest davon überzeugt, dass es auch auf polnischer Seite viele Jugendgruppen und genau so viel kulturelles Engagement gibt, das für uns nicht so sichtbar ist. Meiner Erfahrung nach sind sogar die Künstler, die ich kennengelernt habe, viel besser als die deutschen. Es wäre fantastisch, mit diesen Personen in Kontakt zu kommen.
Wie denkst du über die Zukunft des deutsch-polnischen Grenzraumes?
Durch die demographische Situation wird grundlegend Jugend- und Kulturarbeit eher schlechter als besser. Somit würde ich sagen, es wäre gut, wenn Finanzierungen und Engagement so bleiben, wie es jetzt ist. Manchmal macht aber auch Not erfinderisch und fördert Kreativität. Ich sehe, dass es wichtig ist, mehr kleinere aber konstantere Initiativen in der Region zu haben. Es wäre gut, wenn die neuen aber auch alten Akteure zusammen finden und gut zusammenarbeiten, um die Jugendlichen zu erreichen, die in Görlitz und der Region leben. Es ist wichtig, für sie Gestaltungsmöglichkeiten zu schaffen – und das alles natürlich im deutsch-polnischen Kontext.
Vielen Dank für das Gespräch!
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