Ein F mit 7,8 Tonnen : 13.10.2010 : von Stefanie Becker

Aus der Kunststoff-Reihe "Aussterbende Berufe"

Das Wort Glöckner löst Assoziationen an kuttentragende, mittelalterliche Gestalten in Kirchtürmen hoch über der Stadt aus. Heute erklingen die meisten Glocken und Glockenspiele dank einer Automatik: Der Beruf des Glöckners ist äußerst selten geworden. Grund für einen Besuch bei Jeffrey Bossin, einem Meister des Turmglockenspieles.

Glocken ertönen über Berlin-Mitte. Dort spielt Jeffrey Bossin das von ihm selbst entworfene Glockenspiel: das Carillon des Großen Turms am Tiergarten. Der Glöckner sitzt, vertieft in die Wassermusik von Georg-Friedrich Händel, an seinem Instrument, welches aussieht, wie eine überdimensionale Orgel. Die kleinen Finger in Lederschutz gepackt schlägt er mit geballten Fäusten und Füßen die großen Klöppel des Carillonspieltisches und lässt 68 Glocken erklingen. Ein Carillon ist laut Definition die französische Bezeichnung für ein Turmglockenspiel, welches ursprünglich aus Belgien, den Niederlanden und Nordfrankreich stammt. Das erste genau gestimmte Carillon wurde 1652 in den Niederlanden gebaut, wo auch heute noch, neben Belgien und den USA, die meisten von ihnen stehen. Die  Mehrheit der europäischen Glockentürme gehören zu Kirchen oder Rathaustürmen und stehen mitten in der Stadt – umgeben von Straßenlärm, Marktgetümmel und Alltagshektik. Dass dort oben in den Türmen oftmals großartige Instrumente schlummern, fällt den vorbeihetzenden Passanten in der Regel gar nicht auf.

 

Überzeugendes Argument - Zum 750. Geburtstag Berlins an die alte Musiktradition anknüpfen

In Berlin ist das anders: Hier steht der Glockenturm ohne Rathaus und Kirche mitten im Park an der Spree. Jeffrey Bossin, geboren 1950 in Kalifornien, hat die Carillonneurskultur aus Amerika reimportiert und konzertfähig gemacht. „In Amerika stehen die Carillons meist auf großen freien Wiesen, nicht so wie in Europa mitten in der Stadt“, erklärt er. „So können die Leute einfach mit ihren Picknickkörben auf dem Gras liegen und ein Open Air Konzert hören. Das wollte ich in Deutschland auch erreichen“. Bossin, der an einer Universität in Kalifornien eine Ausbildung zum Carrillonneur machte, kam 1984 als Austauschstudent nach Berlin, um seine Deutschkenntnisse aufzubessern. Hier, dachte er, müsse man ein Carillon bauen – und schlug das dem Berliner Senat anlässlich der 750-Jahr-Feier der Stadt vor. Auf die Reaktion – „Wieso?“ – war Bossin vorbereitet: Er wolle an die Tradition der Glockenturmkultur Berlins anknüpfen, schließlich reiche deren Geschichte bis zum Preußenkönig Friedrich Wilhelm I zurück, der je ein Glockenspiel für die Berliner Parochial und die Potsdamer Garnisonskirche stiftete. Beide Glockentürme wurden bis zum zweiten Weltkrieg regelmäßig bespielt. Den Krieg überstanden sie jedoch nicht und wurden nicht wieder aufgebaut. Das Argument, zum 750. Geburtstag Berlins an die alte Musiktradition anzuknüpfen, überzeugte und so konnte Bossin sich seinen Traum erfüllen: Einen eigenen Glockenturm mitten im Park mitten in der Stadt. „Das ist natürlich ein großer Coup, dass sich ein Carillonneur einen eigenes Instrument bauen kann“, strahlt er und klettert zwischen den tonnenschweren Klangkörpern hin und her. Bossin ist Herr seines Instruments. Er konnte bei allen Fragen mitentscheiden: Sowohl sein technisches wie architektonisches und natürlich auch sein musikalisches Know-How war gefragt. Er hat den Glockengießern im niederländischen Eijsbouts bei der Herstellung seiner Glocken über die Schulter geschaut und kann mit Recht behaupten, für die Qualität jedes einzelnen Glockenschlags verantwortlich zu sein.

 

Ein Arbeitsplatz in 40 Metern Höhe

tl_files/kunststoff/magazinbilder/Gloeckner_1.jpgIn direkter Nachbarschaft zum Bundeskanzleramt hat Jeffrey Bossin auf ungefähr 40 Metern Höhe seinen Arbeitsplatz in einer kleinen, voll verglasten Kabine mit Blick über den Reichstag, die Spree und den Tiergarten. Unter ihm hängen die großen Glocken, die größte von ihnen wiegt 7,8 Tonnen. Über ihm die kleinen Glocken, die kleinste wiegt gerade mal acht Kilo. Über starke Drahtseile sind die Glocken mit dem Spieltisch in der Glaskabine verbunden. „Die Fenster muss ich schließen während ich hier spiele, sonst ist es zu laut“, fasst Bossin die Klanggewalt seines Instruments zusammen. Die führt ab und an auch mal zu Ärger in der Nachbarschaft: „Seit das Bundeskanzleramt direkt neben meinem Carillon steht, darf ich erst ab Freitagnachmittags um 17.00 Uhr anfangen zu üben – sonst störe ich die Kanzlerin“, grinst Bossin. Neue Stücke übt er sowieso lieber zuerst für sich allein – verständlich, denn alles, was er im Großen Turm spielt, schallt über den Tiergarten. Und auch ein so berühmter Musiker hat seinen Stolz. „Zum Üben habe ich ein extra Instrument. Da sind anstelle von Glocken Klangplatten angebracht. Erst die Generalproben mache ich öffentlich hier oben“, erklärt er. Die prominente Nachbarschaft hat ihm aber auch schon einigen Ruhm eingebracht. So habe Ex-Bundeskanzler Schröder ihn gebeten, zur Schweigezeremonie des Bundeskanzleramtes anlässlich des Gedenkens an die Opfer des Terrorangriffs am 11. September 2001 zu spielen. Außerdem spielte er 1989 ein großes Konzert zur Wiedervereinigung, eines im Jahr 1990 zu Christos Verhüllung des Reichtages und zahlreiche weitere im Rahmen großer Veranstaltungen. Na klar, stolz sei er auf seinen Berühmtheitsstatus, lacht er.

 

Das "normale" Publikum - die Spaziergänger, Touristen, Sonntagsausflügler

Obwohl, oder gerade weil Jeffrey Bossin so einzigartig ist, spielt er gerne für das „normale“ Publikum, welches sich auf den Wiesen am Fuß des Großen Turmes tummelt, die Spaziergänger, Touristen, Sonntagsausflügler. „Das Carillon ist ein schwieriges Instrument für den Zuhörer“, erklärt er. „Man sieht den Spieler nicht, die Glocken bewegen sich nicht und man kann nicht verstehen, was in diesem Turm passiert. Und doch will ich als Künstler anerkannt werden. Deswegen gehe ich auch nach jedem Konzert raus, winke den Zuhörern zu und biete Führungen an, damit die Leute kapieren, was es bedeutet, ein Carillonneur zu sein und wo die Musik herkommt.

In Deutschland gibt es zu den 35 Turmglockenspielen, von denen ein Großteil nur per Automatik bespielt wird, nur etwa 15 Glockenspieler. Die meisten sind Organisten oder – wie Bossin selbst – gelernte Pianisten. Die Zukunft des Carillonneur-Berufs ist ungewiss. In den meisten Ländern sei der Beruf, so Bossin, eine brotlose Kunst. Außer in Dänemark, wo Organisten zum Carillonspielen verdonnert werden oder in Holland, wo einfach viele Instrumente zur Verfügung stehen. In Berlin habe er Glück gehabt. „Hier stehen das Land und die Bundesregierung hinter dem Projekt“, erklärt er sein besonderes Glück. Zu besonderen Anlässen stattet er auch Mitteldeutschland einen Besuch ab, um das drittgrößte Carillon der Welt, das Glockenspiel im Roten Turm von Halle, zu spielen.

Dorthin würde er gern mal wieder kommen, beteuert er. Vielleicht gibt es ja auch in Deutschlands größtem Carillon mal wieder die Gelegenheit, die Automatik abzustellen und den berühmtesten Glockenspieler des Bundes zum Konzert zu laden...

Zum Abschluss seiner Probe spielt Jeffrey Bossin noch ein Lied: „I am Sailing“, arrangiert für das Carillon. Diese Arrangements schreibt er selbst – schließlich sind nur wenige Stücke eigens für das ungewöhnliche Instrument komponiert. Bossin verlässt seine Glaskabine zwischen den Glocken und verschließt die Tür. Plötzlich ertönt mit einem Lauten DONG-DONG eine Glocke direkt über seinem Kopf. Selbst der Herr der Glocken zuckt zusammen – fängt jedoch gleich an zu lachen: „Das ist die Automatik. Es ist zwei Uhr!“


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