Begegnungen mit dem jüdischen Leben in Dresden : 01.11.2010 : von Franziska Krakow
Rückblickend ist für die letzten zwanzig Jahre ein tiefgreifender Wandel des jüdischen Lebens in Deutschland festzustellen. Dieser sei vor allem durch die hohen Zuwanderungszahlen in den 90er Jahren aus dem ehemaligen Ostblock begründet. So wurden in den Jahren 1991 bis 2004 rund 220 000 jüdische Zuwanderer gezählt, was eine wesentliche Änderung der Struktur der in Deutschland ansässigen jüdischen Gemeinden bedingte.
Daher ist ein wesentlicher Programmpunkt des Veranstaltungskalenders natürlich das Ausstellungsprojekt „Brüder und Fremde“, welches sich insbesondere mit den Einwanderungsgeschichten russischsprachiger Gemeindemitglieder beschäftigt. Die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Dresden, die jüdische Gemeinde und HATiKVA stellten die Umstände der Einwanderungen, ihre Erfolgsgeschichten und die individuellen Lebensläufe der Betroffenen vor.
Rund vierzig weitere Veranstaltungen lockten Interessenten in die Landeshauptstadt, darunter Konzerte, Theaterstücke, aber auch Lesungen und Filmvorführungen. Das Programm setzte sich aus neuen und eher ungewöhnlichen, aber auch traditionellen Produktionen zusammen.
Auf sich aufmerksam machten zwei gegensätzliche Theaterproduktionen, die gleichsam den Holocaust als Leitthema hatten. „Spiel süßer den Tod“ provoziert mit der Frage, ob und wie weit der Holocaust im Allgemeinen, das Konzentrationslager im Speziellen in der Kunst verarbeitet werden darf. Die Produktion vom Dresdner Autor und Dramaturg Bernd Rump wurde in der Dreikönigskirche zur Jiddischen Musik- und Theaterwoche uraufgeführt, feierte seine eigentliche Premiere jedoch erst am 9. November, dem Jahrestag der Progromnacht von 1938, im Theaterhaus Rudi. Es handelt sich hierbei um eine szenisch-musikalische Collage zur „Todesfuge“ von Paul Celan. Bei der künstlerischen Bearbeitung der traumatischen Erlebnisse in einem Konzentrationslager lehnt sich Rump an das weltbekannte Gedicht an. Bereits 1947 löste der Autor schon eine kontroverse Debatte darüber aus, ob die Thematik des Holocausts künsterlisch überhaupt umsetzbar sei.
Dem entgegen setzte sich die israelische Schauspielerin Karine Koret als „Lulu- ein Ausschwitzmädchen“. Sie tanzt und singt sich als Clownsmädchen durch den Alltag der Vernichtungslager, lässt die Zuschauer an ihrer Geschichte teilhaben. Es wird erzählt wie sie deportiert wurde und sich dort in eine eigene Welt aus Träumen, Liedern und Gedanken zurückzieht. Zusammen mit ihrer Familie wird sie zu Beginn von den Nazis in ein Vernichtungslager deportiert. Dort angekommen, muss Lulu getrennt von ihren Verwandten allein die Schrecken von Ausschwitz erleben. Das Stück basiert auf der Geschichte der Großmutter von Hauptdarstellerin Karine Koret und hatte 2009 auf dem Teatronetto Festival of Solo Theater in Tel Aviv seine Premiere.
Verschiedene Sprachkurse sollten das Eintauchen ins jüdische Leben noch intensivieren. So wurde den Besuchern die Möglichkeit geboten, an einem Hebräisch Einführungskurs teilzunehmen. Dort wurde als erstes die Frage geklärt, wie Hebräischen zu einer der drei Landessprachen Israels wurde. Weiterhin erläuterten die Kursleiter, nach welchen Grundsätzen die Sprache funktioniert, sodass schlussendlich eine Entdeckungsreise in das alltägliche Hebräisch begangen werden konnte. Wem diese Sprache allerdings zu fern war, konnte sich am Jiddischen ausprobieren. Auch hierfür wurde ein Einführungskurs angeboten. Auch wenn Jiddisch erst 1908 offiziell zur zweiten Nationalsprache des jüdischen Volkes erklärt wurde, geht die Geschichte dieser Sprache jedoch weit über 1000 Jahre zurück. Jiddisch gilt als eine Nahsprache des Deutschen und ist daher auch für Laien relativ schnell zu verstehen. In dem Sprachkurs wurde den Teilnehmern ein Überblick geboten, wo die jiddische Sprache überhaupt herkommt und wo sie heute beheimatet ist, um danach in die Einführung in das Jiddische in Wort und Schrift überzugehen. Ebenfalls lernten die Besucher einige der wichtigsten Vertreter der jiddischen Literatur kennen.
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