Zimmer zu : 12.04.2011 : von Dörthe Gromes
In einem Land, das wochenlang darüber feilscht, ob Menschen, welche die staatliche Grundsicherung erhalten, nun fünf oder acht Euro pro Monat zusätzlich zustehen, verwundert es nicht, wenn die praktische Auslegung der Sozialgesetze mitunter absurde Blüten treibt. Da die maximale Wohnungsgröße für Hartz-IV-Empfänger genau definiert ist, es aber nicht genug kleine Wohnungen gibt und viele Menschen außerdem ungern umziehen, kam man 2008 in der ostsächsischen Kleinstadt Löbau auf die pragmatische Idee, den Leuten einfach ein Zimmer ihrer Wohnung zuzusperren, um den behördlichen Anforderungen zu genügen. Diese Praxis löste nach Bekanntwerden kurz einen überregionalen medialen Aufschrei aus, hat sich mittlerweile jedoch in der Stadt etabliert.
Die junge Leipziger Filmemacherin Susanne Schulz fuhr nach Löbau nachdem die Pressekarawane schon wieder weg war. Ihr Dokumentarfilm White Box blickt hinter den Skandal und portraitiert Menschen aus dem Plattenbauviertel Löbau-Ost, die mit einem verschlossenen Zimmer in ihrer Wohnung leben müssen. Da ist zum Beispiel die 15-jährige Spätaussiedlerin Julia Schugin, die mit ihrer Mutter früher in einer Dreizimmerwohnung lebte, in der ihnen jetzt nur noch zwei Zimmer zugestanden werden. Die Heranwachsende hat nun kein eigenes Zimmer mehr. Sie träumt davon, der Enge der Wohnung und in der Stadt zu entfliehen. Julia lässt sich nicht unterkriegen, singt, tanzt und ertrotzt sich mit sanfter Beharrlichkeit eine bessere Zukunft – ob als Juristin, Kosmetikerin oder doch als Sängerin wird sich zeigen.

Auch die anderen Protagonisten in Schulzes erstem Langfilm haben Strategien entwickelt, mit denen sie ihr Leben jenseits gängiger Gesellschaftserwartungen gestalten. Gerade die ältere Generation kämpft mit den späten Brüchen und dem ungeplanten Ende ihrer DDR-Biografien. Doch sie geben nicht auf, engagieren sich im Arbeitslosenverein oder als Deutschlehrer für Spätaussiedler. So ist White Box trotz des bedrückenden Themas ein Film mit erstaunlich positiver Grundstimmung. Genau hierin liegt seine Stärke, er zeigt Menschen, die zwar mitunter ratlos sind, die sich aber nicht aufgegeben haben und die über ein Potential verfügen, das von der Gesellschaft häufig nicht anerkannt wird.
Die verschlossenen Zimmer dienen der Regisseurin dabei weniger als Thema an sich denn als Metapher für die versperrten Träume und Sehnsüchte der Menschen. Davon nimmt sie sich selbst nicht aus und reflektiert im Film auch ihre eigene unsichere Lage als Filmemacherin. Susanne Schulz kam zwei Jahre lang immer wieder nach Löbau und lebte dort zeitweise mit ihrer Familie in einer von einer Wohnungsgesellschaft zur Verfügung gestellten Musterwohnung. Diese Nähe zu den Protagonisten ist im Film spürbar. White Box ist ein sensibel beobachteter und erzählerisch strukturierter Film mit einem feinen Gespür für die leisen Zwischentöne im medialen Alltagsgetöse. Susanne Schulz wirft darin einen liebevollen, unverstellten Blick auf Löbau, das stellvertretend für viele Kleinstädte in Ostdeutschland steht, deren Bewohnern die Zukunft abhanden gekommen zu sein scheint.
Zur Person: Susanne Schulz, Jahrgang 1976, in Dresden geboren, studierte Journalistik und Politikwissenschaften in Leipzig und besuchte das European Film College in Dänemark. Sie beschreibt ihre Arbeit "als ein Sammeln und Archivieren von Begebenheiten, Stimmungen und Begegnungen". Bisher entstanden mehrere Kurzfilme und ein Langfilm. Schulz lebt und arbeitet in Leipzig.
D 2010, Dokumentarfilm 61 Minuten,
Neufilm, Regie und Drehbuch: Susanne Schulz
Aufführungen:
Leipzig, 15.4. um 19.30 Uhr / 16.4. um 17.00 Uhr
Kinobar Prager Frühling, Bernhard-Göring-Straße 152
Görlitz: 21.4. um 20.00 Uhr
Offkino Klappe die Zweite, Nonnenstraße 18/19
Berlin: 5. Mai, 20 Uhr
Eiszeit Kino, Zeughofstraße 20
Fürstenwalde: 6. Mai, 20.15 Uhr
Filmtheater UNION, Berliner Straße 10
Löbau: 7. Mai, 19 Uhr
Rathaus (im Rahmen des 8. Neiße-Filmfestivals)
Halle: 9. Mai, 20.15 Uhr und 11. Mai, 18 Uhr
LUX-Kino am Zoo, Seebener Straße 172
Magdeburg: 12. Mai, 19 Uhr
Oli-Lichtspiele, Olvenstedter Straße 25
FILM : Von Schmugglern und Grenzgängern : 13.04.2011 : von Marco Zschieck
FILM : Animationsfilm gestern und heute : 13.04.2011 : von Annegret Richter
FILM : Doppelte Rückkehr nach Dresden : 12.04.2011 : von Lars Meyer
FILM : Filmische Grenzgänge : 01.04.2011 : von Dörthe Gromes


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