Wer rettet den Filmotter? : 13.10.2010 : von Dörthe Gromes

Dem deutschen Kinderfilm droht Monokultur statt Vielfalt: Zunehmend werden überwiegend Stoffe verfilmt, die fast alle auf Erfolgsromanen basieren. Auf der Strecke dagegen bleiben frei entwickelte Geschichten. Die Initiative Filmotter macht mit ungewöhnlichen Mitteln auf diesen bislang wenig beachteten Missstand aufmerksam. Dörthe Gromes im Gespräch mit der Drehbuchautorin Anja Flade.

 

Frau Flade, was genau fordert die Initiative Filmotter und wer sind die Initiatoren? 

Wir wünschen uns fünf Independent-Kinder-Filme pro Jahr, wobei "independent" in diesem Fall meint, dass der Film nicht die Verfilmung eines erfolgreichen Kinderbuches sein soll, sondern ein unabhängig von Vermarktungsstrategien entwickelter Stoff. Um dieser Forderung gegenüber Sendern und Produzenten Nachdruck zu verleihen sammeln wir noch bis zum 31. Oktober auf unserer Website Unterschriften zur "Rettung des Filmotters". Bislang haben uns 2.800 Menschen mit ihrer Unterschrift unterstützt. Die Idee dazu entstand an der Akademie für Kindermedien in Erfurt in einem Kreis von Autoren, Drehbuchautoren, Kameraleuten und Leuten vom Kinderfernsehen. 

 

Was ist denn so verkehrt an den Filmen, die auf Kinderbüchern basieren? 

Verkehrt ist nichts an ihnen, wir wollen auch nicht das Eine gegen das Andere stellen. Uns fehlt jedoch die filmische Vielfalt sowohl im Kino wie im Fernsehen. Die Sender setzen in den letzten Jahren einfach zunehmend auf die sichere Kugel und das sind eben Stoffe, welche schon durch die Buchvorlage einen hohen Bekanntheitsgrad haben – seien es "Hanni und Nanni", "Hier kommt Lola" oder "Die wilden Kerle". Mit der Realität der meisten Kinder in Deutschland haben diese Filme allerdings wenig zu tun. Die Skandinavier und Holländer dagegen machen es vor, dass es möglich ist, interessante, alltagsnahe Geschichten für Kinder zu erzählen ohne in Tristesse oder Langeweile abzugleiten. 

 

Was macht in Ihren Augen einen guten Kinderfilm aus? 

Nun, dieselben Kriterien, die auch einen guten Film für Erwachsene auszeichnen: eine wahrhaftige Geschichte mit authentischen Menschen. Die Unterscheidung zwischen Kinder- und Erwachsenenfilm ist etwas sehr deutsches. Ich denke, ein guter Film ist ein guter Film für alle Altersgruppen.  

 

Macht es also im Grunde keinen Unterschied, ob man an einem Kinder- oder einem Erwachsenenfilm arbeitet? 

Ganz so auch wieder nicht. Vielleicht ist es sogar schwieriger, für Kinder zu schreiben als für Erwachsene, denn Kinder sind ein sehr viel schonungsloseres Publikum, sie sagen sofort, ob sie einen Film gut oder schlecht fanden. Es wäre also sinnvoll, sich beispielsweise als Drehbuchautor auf Kinderfilme zu konzentrieren, jedoch ist das in Deutschland so gut wie unmöglich. Die deutsche Kinderfilmszene ist eher klein, es werden um die zehn Filme pro Jahr realisiert, darunter sind weniger als eine Handvoll, in manchem Jahr auch nur ein einziger  Independent-Film in unserem Sinne. Da geht es über die Stoff- und Drehbuchentwicklung oft nicht hinaus. Und dann gibt es noch so eine allgemeine Haltung: "Du schreibst ja nur für Kinder." – Als ob es für Erwachsenenfilme nicht reichen würde. Kinderautoren genießen leider wenig Respekt. 

 

Müsste man auch an den Kriterien der Filmförderung etwas ändern, um dem unabhängigen Kinderfilm mehr Geltung zu verschaffen? 

Nicht unbedingt, denn das Problem besteht eher darin, für einen Stoff einen Sender zu finden, der den Film dann ausstrahlen wird. Daran scheitern die meisten Stoffe, weil die Sender wie gesagt zur Zeit stark auf Erfolgsgaranten setzen und versuchen, das Risiko zu minimieren. Dabei sind einige, der realisierten Independent – Kinderfilme wie „Die Blindgänger“ oder „Toni Goldwascher“ richtige Festivalerfolge.

 

Die Sender müssten also thematisch mutiger werden? 

Ja, das hoffen wir. Durch die Filmotter-Initiative sind wir bereits ins Gespräch mit einigen Redaktionen gekommen. Ein konkreter Erfolg in Form eines zu realisierenden Filmes hat sich zwar noch nicht eingestellt, aber es geht uns mit der Filmotter-Initiative auch vor allem darum, das Thema "unabhängiger Kinderfilm" überhaupt erst auf die Agenda in den Film- und Fernsehredaktionen zu setzen und die Öffentlichkeit für das Problem zu sensibilisieren. 

Vielen Dank für das Gespräch! 

Noch bis zum 31. Oktober kann man den Filmotter (Lutra filmeri) bei seinem Fischzug nach frischen Filmen mit einer Unterschrift im Netz unterstützen: www.filmotter.org


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