Filmische Grenzgänge

01.04.2011 10:52 von Dörthe Gromes

Solo für Licht zeigt zwar immer wieder Stummfilmklassiker, ist jedoch kein reines Stummfilmfestival. Wie sieht das Programmkonzept aus?

Es war im ersten Festivaljahr 2008 schon eine gezielte Provokation: ein Stummfilmfestival, das keine stummen Filme zeigt. Uns geht es dabei im Kern um das Sehen an sich, das wir in den Mittelpunkt unseres Festivals stellen. Das Besondere am Medium Film ist ja, dass es auch ohne das gesprochene Wort auskommen kann, eben weil Film über andere Ausdrucksmöglichkeiten verfügt als Sprache. Die meisten Zuschauer nehmen Kino jedoch primär über die Handlung und eben über die im Film stattfindenden Wortwechsel wahr, viel weniger als über das Bild. Deshalb stellen wir das Bild in den Mittelpunkt und zeigen wir Filme, die anders funktionieren als der gewöhnliche Kinofilm. Sie erfordern daher auch andere Sehweisen und verlangen dem Publikum ab, sich auf eine solche unkonventionelle Filmsprache einzulassen. Genau diese ungekannten Seherlebnisse machen für uns den Spaß an der Sache aus.

 

Was bedeutet das konkret für das diesjährige Programm?

Sans soleilEs gibt jedes Mal bestimmte Kernfilme, die den gedanklichen Ausgangspunkt der inhaltlichen Konstruktion des Festivals bilden. Dieses Jahr sind das auf der einen Seite "Weekend" vom Filmpionier Walter Ruttmann und andererseits "Branca de Neve" des portugiesischen Regisseurs João César Monteiro. Ersterer entstand ursprünglich für den Rundfunk, nur hatte man damals noch kein Magnetband, weshalb Ruttmann auf Filmmaterial für die Aufzeichnung zurückgriff. "Branca de Neve" nach der Schneewittchenerzählung von Robert Walser ist ein optisch extrem reduzierter Film, zwischen den einzelnen sehr starken Bildeinstellungen liegen weite Sequenzen in Schwarz, dagegen wird auf der Tonspur weitererzählt.

Um diesen Kern können sich dann aber auch Filme gruppieren, denen eine visuelle Opulenz eigen ist. Der umstrittene letzte Film Pasolinis "Salò oder die 120 Tage von Sodom" beispielsweise, in dem er vor dem Hintergrund eines faschistischen Staates gesellschaftliche Dynamiken in eine ausweglose Apokalypse dekliniert. Außerdem ist der berühmte Filmessay "Sans soleil" des französischen Filmemachers Chris Marker angedacht. Zwischen solchen Polen wird sich das Festival 2011 also bewegen.

 

Welche Resonanz erhalten Sie vom Publikum?

Wir bekommen durchweg positive Rückmeldungen, egal ob der Saal nun ausverkauft ist oder ob nur zehn Leute einen Film sehen. Immerhin verlangen die Filme dem Zuschauer viel Engagement ab, aber es gibt eben ein Publikum auch für solche experimentellen Filme in Leipzig. Überhaupt überrascht es uns jedes Mal auf's Neue, welche Filme innerhalb des Programms gut laufen und welche nur wenige Besucher anziehen, das ist vorher schwer einzuschätzen. Ungefähr 1.000 Zuschauer hatten wir bislang in jedem Festivaljahrgang, damit sind wir sehr zufrieden.

 

Warum machen Sie dann nicht weiter? Oder ist die zeitliche Begrenzung Teil des Konzepts?

Nun, es war uns von vornherein klar, dass wir die Sache nicht ewig machen würden. Ob es allerdings drei oder zehn Ausgaben werden würden, wussten wir am Anfang nicht. Zwar könnte man die Sache natürlich fortführen, aber entweder würde es sich dann inhaltlich wiederholen, oder bei einer Vertiefung der Thematik so speziell werden, dass es dann wirklich nur noch fürs Fachpublikum interessant wäre und beides ist nicht in unserem Sinne. Da starten wir lieber neue Projekte.

 

Zum Schluss: Was fasziniert Sie persönlich an diesen Filmen?

Mittlerweile ist es mir einfach zu unbefriedigend geworden mich ins Kino zu setzen, auch wenn ich nicht permanent nur experimentelle Filme sehen möchte. Mich interessiert besonders der Grenzbereich zwischen den Medien Film, Fotografie, Malerei und Installation und ihre gegenseitige Beeinflussung. Dort werden Dinge miteinander verknüpft, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben, beim genaueren Hinsehen aber schon. Es ist faszinierend zu sehen, welche neuen Möglichkeiten der Erzählung es gibt. Und schließlich empfinde ich das aktive Sehen erheblich befriedigender als das passive Konsumieren.

Vielen Dank für das Gespräch!


zur Person: Sven Wörner wurde mit dem Filmvirus infiziert, als er 1990 zusammen mit einer Freundin in Leipzig ein eigenes Kino eröffnete. Seit über 15 Jahren kuratiert er Filmprogramme, Reihen und Ausstellungen, die versuchen, scheinbar festgefügte Blickrichtungen aufzubrechen und Positionen zu hinterfragen. Neben der Programmarbeit für die Cinémathèque Leipzig war er u.a. für das Bauhausarchiv Berlin, das Museum für Kunsthandwerk und für die Kulturstiftung des Bundes tätig.

Solo für Licht 1. - 6. April 2011

alle Programme, Spielorte, Termine: www.stummfilmfestival.de

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