Mein Leben als Museumswärter : 19.01.2011 : von Mirko Wenig
Es passierte mir vor wenigen Monaten während einer
Arbeitsschicht im Museum, dass mich ein älterer und wenig
freundlicher Besucher fragte, ob ich hier im Haus der Wachhund sei.
Er sagte dies mit deutlich verärgerter Stimme, obwohl ich ihn
weder ermahnt noch angesprochen hatte, ja nicht einmal in seiner Nähe
stand: meine bloße Anwesenheit bedeutete für ihn bereits
eine Provokation.
Ich habe darüber nachgedacht und muss schlussfolgern, dass der Wachhund ein schlechter Vergleich ist. Wenn ich meinen Museumswärterjob beschreiben will, so bietet es sich eher an, einen anderen Hundetyp ins Gespräch zu bringen, der weitaus bessere Manieren hat: jene verwilderten Hunde, die an den Stränden der portugiesischen Algarve herumstreunen. Die meiste Zeit liegen sie unter Pinien, scheinbar gelangweilt vor sich hin dösend. Doch sie sind hellwach. Alles, was um sie herum geschieht, registrieren sie mit detektivischer Genauigkeit.
Was mich mit diesen wilden Hunden verbindet, ist ihr Blick und ihre Stille. Streunende Hunde bellen nicht. Sie schauen sich auch selten direkt ins Gesicht. Sie kommunizieren über wenige Gesten: das Anlegen der Ohren. Das Zucken eines Lides. Das Hochziehen der Lefzen. Ein starrer Blick in die Augen eines anderen Hundes wäre bereits zu viel und könnte als Drohung missverstanden werden. Südliche Hunde müssen zurückhaltend sein, weil es ihr kompliziertes Sozialgefüge erfordert: in dem Moment, wenn ein Wachhund bereits loskläffen würde, sitzen sie noch immer unter ihrer Pinie und prüfen erst einmal die Lage, ob die Sorge vielleicht doch unbegründet ist.
Auch ich bin derjenige, der ruhig in der Ecke steht oder mit leisen Schritten durch die Räume schreitet, um jede Konfrontation zu vermeiden. Ich habe gelernt, Menschen aus den Augenwinkeln heraus zu beobachten, ohne sie direkt anzuschauen. Denn Museumsbesucher sind schnell verunsichert, wenn man ihnen zu lange in die Augen blickt oder sie merken, dass sie beobachtet werden: sofort fühlen sie sich eines Fehlverhaltens verdächtigt. Es gilt, so diskret wie möglich zu sein.
Doch im Normalfall sitze ich den Besuchern immer auch ein wenig im Nacken.
Der indiskrete Blick
Oft werde ich darauf angesprochen, ob diese Arbeit nicht langweilig sei. Ob ich nicht kaputt gehen müsste an diesen Acht-Stunden-Schichten. In jener Zeit, in der ich wohl über hundert Runden laufe, im Kreis gehend mehrere Räume abschreite, in der ich während der Pausen durchschnittlich eineinhalb Liter Mineralwasser trinke sowie drei Tassen Kaffee. In jenen Minuten, in denen die Gäste regelmäßig den Bildalarm auslösen: lautes Piepen und erschrockene Gesichter, „haben wir etwas falsch gemacht?“; woraufhin ich bei der Wache anrufen muss, um auszurichten, dass alles in Ordnung sei, keine Bilder beschädigt oder gestohlen wurden. An jenen Tagen, an denen ich auf Arbeit wohl eine zweistellige Kilometerzahl zurück lege.
„Ich könnte mir jede Arbeit vorstellen“, sagte mir ein ehemaliger Dozent, als ich ihm von meinem Nebenjob erzählte, „auf dem Bau zu arbeiten oder als Tellerwäscher, vielleicht sogar als Taxifahrer, alles kein Problem. Aber acht Stunden in einem Raum zu stehen, ohne etwas zu tun zu haben, das könnte ich nicht!“
Doch der Job ist durchaus ein anspruchsvoller, denn man sollte die komplexe Beziehung zwischen Wärter und Besucher nicht unterschätzen. Trotz ihrer Flüchtigkeit ist sie jedes Mal aufs Neue eine intime und indiskrete Situation. Da kommt jemand in einen ruhigen Raum, wird dort für vielleicht fünf oder auch dreißig Minuten bleiben. Dieser „Jemand“ will sich ganz der Kunst hingeben: ein sinnlicher und mitunter privater Prozess. Doch er bemerkt, dass er ständig beobachtet wird.
Vielleicht kümmert es den Besucher nicht. Vielleicht stört es ihn und er wird aggressiv. Vielleicht steckt er in einer schweren Lebenskrise, ist erleichtert, nicht allein zu sein und wird mir erzählen, dass er sich soeben von seiner Frau getrennt hat: all dies ist mir schon passiert. Zwei Menschen, unfreiwillig einander ausgesetzt – jene Situation, aus der Samuel Beckett den Stoff für seine Dramen gewann.
Als mich ein ehemaliger Polizeikommissar während eines Lehrganges aufklärte, was einen guten Museumswärter auszeichnet, war ich ein wenig verblüfft. „Zwei Eigenschaften sollten Sie bei Ihrer Arbeit vereinen“, erklärte der Mann, der über jahrelange Erfahrung im Polizeidienst verfügte. „Erstens: ein Museumswärter sollte für den Besucher unsichtbar sein, damit er den Gast nicht beim Betrachten der Ausstellungsstücke stört. Und zweitens“, an dieser Stelle machte er eine gewichtige Pause, „…muss ein Museumswärter immer auch Präsenz zeigen, so dass sich der Gast nie unbeobachtet fühlt!“
Anwesenheit zeigen in der Abwesenheit? Der Museumswärter hat, mit anderen Worten, einen Status, den man sonst nur Geistern und Gespenstern zugesteht. Oder toten Personen, um die man trauert. Vielleicht ist es dieser Schwellenzustand, der Spagat zwischen Sein und Nichtsein, der mich einigen Gästen verdächtig macht, so dass sie mich mit einem Wachhund vergleichen.
Der privilegierte Blick des Wärters
Und doch würde ich diesen Job verteidigen, denn er bietet großartige Begegnungen. Wie etwa mit jenem Mann und seiner vielleicht sechsjährigen Tochter, die beide euphorisiert in meinen Ausstellungsbereich kamen und sich jedes Mal abklatschten, wenn das Mädchen eine von Papis Fragen zu den Kunstwerken richtig beantworten konnte: „give me five!“, als hätte das Kind bei einem Volleyballspiel den Ball in der gegnerischen Hälfte versenkt und der Vater müsse nun gratulieren. So blieben sie auch vor Fritz von Uhdes Gemälde „Lasset die Kindlein zu mir kommen!“ von 1848 stehen, und der Vater fragte: „kannst Du mir sagen, wer auf dem Bild zu sehen ist?“
„Jesus!“, rief das Mädchen fröhlich, der Vater bejahte und beide klatschten sich erneut ab.
Es war keineswegs eine dumme Frage, die der Mann seiner Tochter stellte. Obwohl das Gemälde auf eine bekannte Bibelstelle anspielt, kann man tatsächlich übersehen, dass darauf der Gottessohn dargestellt ist. Müde, schwach und abgekämpft sitzt Jesus in einem kargen Raum, kauert auf einem Stuhl mit hängenden Schultern und speckigen Haaren, umringt von Kindern in ärmlichen Kittelschürzen, die sich dem Heiland unsicher nähern. Schüchtern schauen die Kinder zu Boden und wirken sogar ein wenig ängstlich vor diesem fremden Mann. Auf wohl keinem anderen Gemälde der abendländischen Tradition darf Jesus so sehr Mensch sein wie auf diesem.
Und so fragte auch der Vater seine Tochter, woran sie denn den Jesus auf Uhdes Gemälde erkannt habe. Das Mädchen überlegte eine Weile. „Na, ist doch klar“, antwortete es schließlich, „Jesus hat doch meistens lange Haare!“
Und wieder klatschten sich beide ab.
Ein aufmerksamer Wärter kann zu vielen Kunstwerken ähnliche Geschichten erzählen. Er nimmt eine Art erweiterte Rezeptionsperspektive ein: zum kunsttheoretischen Diskurs hinzu treten die unmittelbaren Wortmeldungen und Reaktionen der Besucher, auch Anekdoten, Gesichtsausdrücke und Kommentare. So entwickeln die Ausstellungsstücke eine eigene Biographie, die nur der Wärter persönlich kennt.
Das Ertapptwerden
In einem derart intimen Umfeld wundert es vielleicht nicht, dass ich auch um die Wunden weiß. Ich kenne die feinen Beschädigungen der Gemälde, die Risse auf der Leinwand, die Schrammen am Holz der Bilderrahmen. Ich sehe, dass Sapphos Mamorbüste am Hals Risse zeigt, dass auch Ganymed, jener Mundschenk der Götter, verwundet ist: ein leichter Bruch am linken Marmorarm, eine Schramme nur.
Das Museum: auch ein Raum für Verletzungen.
Und dann beobachte ich jene Besucher, die erschrocken auf die Bilder starren, ihre Erregung nur durch leicht bebende Lippen verratend. Die sich kaum merklich verkrampfen und scheinbar ängstlich zusammenzucken. Es sind wenige Besucher, die derart extreme Gefühle zeigen. Aber es sind auch jene, deren Gesichter im Gedächtnis haften bleiben, an die man sich erinnert, wenn man abends müde und mit schmerzenden Beinen nach Hause geht. Es gibt wohl kein größeres Thema als einen Menschen, der versucht, mit seinem Alleinsein fertig zu werden. Es gibt kaum eine Geste, die so viel verrät wie ein leichtes Zucken des Lides. Oder das Verschränken der Arme auf der Brust, als müsse man eine Barriere zwischen sich und dem Gemälde errichten, um das Dargestellte dauerhaft von sich fernzuhalten
Und dann erschrecken die Besucher, wenn sie merken, dass sie nicht allein im Raum sind, dass ich hinter ihnen stehe und meine Augen auf sie richte. Sie fühlen sich ertappt in einer sehr privaten Situation, als würden sie gänzlich nackt im Raum stehen und weinen.
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